Jeden Cent wert: „Sunny“ von Taiyo Matsumoto – Band 02

Jeden Cent wert: „Sunny“ von Taiyo Matsumoto – Band 02
© 2012 Taiyo MATSUMOTO by SHOGAKUKAN.

Mitte Oktober des vergangenen Jahres präsentierte unsere Redaktion bereits einen Ersteindruck zum Auftakt von Taiyo Matsumotos Reihe Sunny. Vor Kurzem erschien mit dem zweiten Band die Fortsetzung dieser erstklassigen Erzählung auf Deutsch. Zweifelnd ob das hohe Niveau gehalten werden könnte, gingen wir ans Lesen – und wurden nicht enttäuscht. Der vorliegende Band brilliert erneut, wie wir nachfolgend aufzeigen möchten.

Bereits die Verarbeitung und Gestaltung der deutschsprachigen Produktion besticht durch hohe Qualität. Die insgesamt rund 220 Seiten sind  als großformatige Klappenbroschur mit Naturpapier-Haptik gefasst. In dem benannten Gesamtumfang sind außerdem zehn Farbseiten enthalten. Besonders positiv fällt dabei zudem die Qualität des Papiers auf, welche sich sowohl durch die Dicke als auch die reinweiße Farbgebung auszeichnet. Darüber hinaus wartet Sunny mit einem begriffserklärenden Glossar am Ende des Bandes auf.

Preislich sind die 16,00 Euro (D) sicherlich über dem gewohnten Standard – so auch die Güte der beschriebenen Fassung. Ein digitales Release des sechsteiligen Werks durch den deutschsprachigen Herausgeber Carlsen Manga scheint gegenwärtig nicht angedacht zu sein. Die besonders hochwertige Ausgabe lässt ohnehin dazu raten, in jedem Fall die gedruckte Variante zu erwerben.

Inhaltsbeschreibung und Erzählweise

Mehrere Jungen und Mädchen sind Bewohner des Kinderheims Star Kids, einer beschaulichen Institution, die sich verlassener Kinder annimmt, deren Eltern entweder verstorben oder aus anderen Gründen – temporär oder dauerhaft – nicht in der Lage sind, Verantwortung für ihre Nachkommen zu übernehmen. Das freundliche Personal, dem der angejahrte Direktor des Heims vorsteht, ist kontinuierlich bemüht, den Kindern ein gutes und würdiges Leben zu ermöglichen. Doch ist jeder Einzelne von ihnen mit ernsten Sorgen konfrontiert, die auch von den engagierten Erwachsenen nicht behandelt werden können.

Im ersten Kapitel der direkten Fortsetzung ist die junge Kiko Mittelpunkt der Erzählung. Nachdem eine Mitschülerin für die Flucht vor einem vermeintlichen Entführer besondere Aufmerksamkeit innerhalb der Klassengemeinschaft erhält, kommt Kiko eine Idee, die sie im Folgenden in Bedrängnis bringt. Eine wichtige Lektion für die Entwicklung des jungen Mädchens. Vier weitere Abschnitte fokussieren  Geschehnisse wie beispielsweise einen Neuzugang in der Pflegeanstalt und den Elternsprechtag der örtlichen Schule. 

© 2012 Taiyo MATSUMOTO by SHOGAKUKAN.

Das Element, welches die einzelnen Episoden dabei verknüpft und zugleich den Titel dieser Geschichte stellt, ist ein Gefährt des Modells Sunny der Automarke Nissan. In dieses, nicht länger fahrtüchtige, Vehikel ziehen sich die Kinder zurück, wenn sie ihren eigenen, abenteuerlichen Fantasien nachgehen möchten. Dieser beengte Raum gewährt den Heranwachsenden größte Freiheit – dort können sie ungestört träumen. Für die Erwachsenen erklären sie den Zutritt unterdessen als verboten. 

Jedes Kind verfolgt einen eigenen Ansatz, mit den Schwierigkeiten ihres jungen Lebens zurechtzukommen. Der Manga Sunny gibt mit jedem Kapitel neue, oftmals bedrückende, Einblicke in die Menschen, deren Zukunft noch ungewiss ist. Protagonist Haruo wird in seiner Biografie inhaltlich zunehmend vertieft. Daraus resultiert ein breiteres – aber mitnichten allumfassendes – Verständnis für dessen Situation. Folgende Kapitel werden, so ist es zu vermuten, im Weiteren daran anknüpfen.

Zeichenstil

Wie bereits in unserem zuvor verlinkten Ersteindruck angemerkt, ist die Bebilderung der erklärten Begebenheiten speziell – im positiven Sinne. Insbesondere die exzentrischen Charakterdesigns des Mangas vermitteln einen eigenen Charme, der sich in der Wirkung von Mainstream-Arbeiten auf ausdrucksstarke Weise absetzt.

Verfeinerte Skizzen bilden den visuellen Korpus von Sunny – wie auch von anderen Werken des benannten Künstlers. Die übersteigerte Darstellung der Mimik ist ein weiteres Erkennungsmerkmal des japanischen Künstlers und als direkte Reflexion der Gefühlslage der handelnden Figuren zu verstehen. Darüber hinaus gefällt die ei­gen­tüm­liche Kontrastgebung der Arbeit.

Speed Drawing während der Lucca Comics & Games-Convention (2017)

Das oberhalb eingebundene Speed Drawing von Taiyo Matsumoto offeriert – wie auch die frei zugängliche Pressemappe zu dem Special-Interest-Titel – anschauliche Beispiele zu unserer Beschreibung des Zeichenstils. Eine gesonderte Leseprobe ist außerdem hier auf Japanisch verfügbar. 

Über Taiyo Matsumoto

Taiyō Matsumoto, geboren 1967, bedient in seinen Werken ein breites Themenspektrum. Seine Titel bewegen sich zwischen Science-Fiction-Epen, Familiengeschichten und Sportabenteuern. In seiner Studienzeit an der Wako Universität trat Taiyō Matsumoto dem Comic-Seminar bei. Seine Entscheidung, Mangaka zu werden, begründet er mit dem Einfluss seines Cousins und bekannten Mangaka Inoue Santa wie auch mit seiner Faszination an Ôtomo Katsuhiros Manga „Dômu“ („Das Selbstmordparadies“, Alpha Comics). Matsumoto brachte keinerlei Vorkenntnisse mit und lernte die Techniken von Grund auf.

Seinen ersten Manga konnte er dennoch bereits während seiner Studierendenzeit im „Afternoon“-Magazin publizieren. Der Durchbruch gelang Matsumoto 1994 mit „Tekkon Kinkreet“, die Sammelbände verkaufen sich in Japan über eine Million Mal. Auf Deutsch erschien die mit dem Eisner Award ausgezeichnete Serie 2019 im Cross Cult Verlag. Seine Werke werden bis heute regelmäßig ins Englische, Französische und Spanische übersetzt. Im Stil des japanischen Mangazeichners finden sich viele europäische Einflüsse. Zu seinen Vorbildern zählt Matsumoto Miguelanxo Prado, Enki Blal und Moebius.

Italienisch: Interview mit dem Zeichner auf der Lucca Comics & Games-Convention (2017)

Ähnlich wie Jiro Taniguchi („Der spazierende Mann“, Carlsen) bewegt sich Matsumoto erzählerisch und zeichnerisch jenseits des Manga-Mainstreams, doch seine internationale Fangemeinde ist groß. Sicher auch dank seines unkonventionellen und häufig auch surrealen Zeichenstils. (© Carlsen Verlag GmbH)

Fazit

Wie bereits dem Auftakt ist auch der Fortsetzung von Sunny höchste Güte zu attestieren. Der Erzählung liegt eine besondere Tristesse inne, die das Herz der Leserschaft durch die glaubhafte wie autobiographisch geprägte Darstellung tief zu berühren weiß. Darüber hinaus entzückt die bizarr-geniale Visualisierung Taiyo Matsumotos. 

Durch die beinah episodisch wechselnden Sichtweisen jeweils ausgewählter Protagonisten ist der dramatischen Slice-of-Life-Geschichte außerdem eine besondere Art der Dynamik gegeben. Diese motiviert stetig zum Weiterlesen, kommt gleichwohl aber jenen entgegen, die es bevorzugen, über mehrere Tage hinweg durch die Kapitel zu lesen. 

Außerdem überzeugt, wie eingangs erklärt, die deutschsprachige Produktion durch die hohe Qualität des Papiers sowie das hochwertige Gefühl der Buchaußenseite. Die großformatige Klappenbroschur ist preislich für den gebotenen Umfang angemessen. Einzig zu kritisieren verbleibt, dass nicht der gesamte Nachname des Autoren auf dem Cover steht.

Wir bedanken uns herzlich bei Carlsen Manga für das unverbindliche Bereitstellen eines Belegexemplars, das diese Besprechung ermöglicht.

Lucas Sebastian

Lucas Sebastian | Autor

Student der Medien- Kommunikationswissenschaften. Passionierter Fan asiatischer Populärkultur. Meint, dass thailändische Produktionen in den nächsten Jahren Europa erreichen wie begeistern werden. Auf Twitter unter @LucasISebastian privat zu finden.