Nichts für schwache Nerven: „Twittering Birds Never Fly“, Band 03

Nichts für schwache Nerven: „Twittering Birds Never Fly“, Band 03
SAEZURUTORI WA HABATAKANAI vol. 3 ©2015 KOU YONEDA by TAIYOH TOSHO Co., Ltd.

Bereits seit dem Deutschland-Debüt von Kou Yonedas Twittering Birds Never Fly begleiten wir den düster-lüsternen Titel mit entsprechenden Besprechungen. Nachdem wir uns zuletzt dem zweiten Band im Rahmen einer ausführlichen Review widmeten, werfen wir nun auch einen Blick auf den aktuell neusten Band der deutschsprachigen Ausgabe.

Dieser ist seit Anfang Februar im Handel – im gewohnten Großformat von 14 auf 21 Zentimeter. Im Gesamtumfang von knapp über 200 Seiten sind außerdem zwei doppelseitig bedruckte Farbseiten auf Hochglanz-Papier sowie das hier angekündigte Glossar enthalten. Der Buchtitel sowie das Logo des Verlags sind auf dem Frontcover und dem Buchrücken mit Spotlack hervorgehoben.  

Preislich ist der Titel seit dem zweiten Band um zwei Euro, also von 10,00 auf 12,00 Euro (D), angestiegen. Die seitens des Ludwigsburger Labels erklärten Hintergründe zu dieser Entscheidung haben wir vor einiger Zeit in diesem Artikel dargelegt. Ob dieser Preis – aus unserer Sicht – auch weiterhin dem Inhalt gegenüber gerecht erscheint, klären wir als Nächstes. 

Da es sich im weiteren Verlauf um die Rezension eines weiterführenden Bandes handelt, ist vor unvermeidbaren Spoilern zu warnen!

Inhaltsbeschreibung

Die Geschichte stellt mit Yashiro ein Yakuza-Mitglied in gehobener Position in den Handlungsmittelpunkt. Als Betreiber eines von der japanischen Mafia betriebenen Kreditinstituts trägt er maßgeblich zur Finanzierung der hierarchisch aufgebauten Organisation und deren zwielichtigen Aktivitäten bei. Während andere Kriminelle mit ihren Tätigkeiten nach Geld und Macht streben, gibt es allerdings nur eine Sache, die Yashiro begehrt wie antreibt: Die Befriedigung seiner unendlich erscheinenden Wollust.

Obwohl der gepflegte Mann mittleren Alters äußerlich einen reservierten Eindruck vermittelt, ist dessen Inneres von einem unabdingbarem Drang nach der Auslebung dieser geradezu animalischen Bedürfnisse beherrscht. Seine Zuneigung zum eigenen Geschlecht verheimlicht er dabei nicht. Damit nicht genug. Yashiro ist außerdem Masochist – er mag es, dominiert zu werden. Gewalt ihm gegenüber lehnt er dabei nicht ab, er verlangt explizit nach ihr.

Zumindest bis zu einem gewissen Punkt, denn zuletzt wurde ein Anschlag auf sein Leben verübt, der deutlich über das von ihm Gewünschte hinausgeht. Die Kugel einer Kleinkaliberwaffe hat den Anzugträger schwer verletzt, sodass dieser sich zur Behandlung in ein Krankenhaus begeben musste. Obwohl die lebensbedrohlichen Wunden vorerst verschlossen werden konnten, ist das Gefühl in seiner rechten Hand seit dem Angriff nicht wiedergekehrt.

SAEZURUTORI WA HABATAKANAI vol. 3 ©2015 KOU YONEDA by TAIYOH TOSHO Co., Ltd.

Sein pflichtbewusster Bodyguard, ein ehemaliger Polizist namens Doumeki, konnte ihn nicht vor der lebensbedrohlichen Attacke beschützen. Bereits in der Vergangenheit scheiterte er daran, die Unschuld seiner kleinen Schwester vor dem eigenen Vater zu bewahren. Die Last der nie verarbeiteten Schuldgefühle erscheint für den impotenten Mann nun erneut nicht zu stemmen – um für sein Versagen Verantwortung zu zeigen, schnitt er sich, gemäß der bekannten Yakuza-Tradition, seinen kleinen Finger ab und schwört, dass er nie wieder von der Seite seines Vorgesetzten weichen wird. Dennoch verbleibt eine schwere emotionale Last auf ihm, an deren psychisch Verarbeitung er im weiteren Verlauf zerbrechen könnte.

Während die Umstände des Attentats, die in die eigenen Reihen des Yakuza-Syndikats zu deuten scheinen, näher untersucht werden, verändert sich schrittweise auch die Beziehung der beiden Männer zueinander … 

Zeichenstil

Mangaka Kou Yoneda weicht im Wesentlichen nicht von dem bereits bekannten Stil ab. Der recht kleinteilige Seitenaufbau setzt sich auch im dritten Band weiter fort. Ebenfalls bekannt ist das Setzen auf dunkle Kontrastabstufungen, welche die grundlegende Atmosphäre des Titels  stimmig in der rauen Optik wiedergeben. 

Mit besonderem Nachdruck ist darauf hinzuweisen, dass die sexuellen Darstellungen zwar optisch zensiert, aber für einige Leser*innen nicht weniger gräulich erscheinen könnten. Selbstverständlich nicht aufgrund des homosexuellen Charakters des einvernehmlichen Verkehrs, sondern aufgrund der mitunter enthaltenen Brutalität, die auch den Austritt von Blut zur Folge hat.

Mittels der kostenlosen Leseprobe zu dem im Februar erschienenen Band kann ein eigener Eindruck von dem Dargestellten gewonnen werden. Diese ist hier auf der offiziellen Webseite des Herausgebers zur freien Ansicht hinterlegt – Szenen erotischer beziehungsweise sexueller Natur sind des Jugendschutzes wegen allerdings nicht enthalten. Da der Manga eingeschweißt ist, kann auch vor dem Kauf in der Regel nicht durchgeblättert werden, um den beschriebenen Zeichenstil zu prüfen. Folglich ist bei Interesse unbedingt zu einem Blick in die digitale Preview zu werfen.

Storytelling

Auch dieser Band der düsteren Geschichte setzt das bekannte Setting gelungen fort. Dabei wird nahtlos an das zuletzt Geschehene angeknüpft, im Fokus der sechs enthaltenen Kapitel steht die Aufklärung der Hintergründe zu dem erklärten Angriff auf Unterboss Yashiro. In einem Bonus-Kapitel ist zudem ein weiterer Blick auf den Arzt Kageyama sowie dessen Liebhaber Kuga, einen in Kinder- und Jugendheimen aufgewachsenen Schläger des Syndikats, gegeben.

Ein anderer Blickwinkel fokussiert erneut Doumeki und dessen traumatische Erfahrungen in seiner Jugendzeit, die sich in gewisser Weise nun wiederholen. Erneut war er machtlos und konnte das ihm Wichtige nicht beschützen. Autorin Kou Yoneda stellt seine seelischen Verletzungen, die Enttäuschung über das eigene Versagen, glaubhaft dar. Zudem entsteht der Eindruck, dass sich Doumeki seinem Vorgesetzen emotional annähert. Der Boys-Love-Gehalt könnte somit in den folgenden Kapitel der aktuell sieben Bände umfassenden Erzählung ansteigen.

Das beworbene Glossar umfasst auf zwei Seiten zehn Einträge mit verschiedenen Begriffen, die in diesem Band mehrfach aufgegriffen werden, um beispielsweise den Aufbau des Yakuza-Syndikats vertiefend zu erläutern. Wer bereits Wissen zur der Thematik vorzuweisen hat, wird die Zusammenstellung nicht benötigen. Es handelt sich dabei lediglich um ein Angebot an alle, die bislang noch nicht oder nur sehr oberflächlich mit dem Setting der kriminellen Organisation in Kontakt gekommen sind.

SAEZURUTORI WA HABATAKANAI vol. 3 ©2015 KOU YONEDA by TAIYOH TOSHO Co., Ltd. | Grafik: © Manga Cult, Ludwigsburg 2021

Hilfreicher ist dagegen die zu Beginn des Bandes gebotene Gesamtübersicht mit allen relevanten Figuren, die jeweils mit Bild und Namen sowie einem kurzen Text in das Gedächtnis der Leserschaft zurückgebracht werden. Dadurch verbleiben die verstrickten Machenschaften überraschend gut nachvollziehbar. Durch einfaches Zurückblättern kann sich jederzeit über auftretende Personen in Kürze informiert werden – perfekt, denn dies kommt dem Leseverständnis auf jeden Fall entgegen.

Wie bereits der Auftakt ist auch die Fortsetzung von verschiedenen Formen der – zuteil lustbetriebenen – Gewalt geprägt, wodurch sich auch die düstere Gesamtatmosphäre innerhalb der Handlung verstärkt, die ausschließlich einem erwachsenen Publikum anzuraten ist. Der deutschsprachige Herausgeber empfiehlt der potenziellen Käuferschaft den Titel unterdessen ab einem Alter von 16 Jahren. Hinsichtlich sexualisierter Gewalt ist unbedingt eine Trigger-Warnung auszusprechen – diese ist eine signifikante Thematik des Mangas und wird in diesem Band in doppelter Weise aufgegriffen.

Fazit

Der dritte Band stellt einerseits die voranschreitenden Machtkämpfe rivalisierender Parteien innerhalb des Syndikats dar, andererseits findet die Beziehung zwischen Yashiro und Doumeki erstmals eine tiefgreifendere Entwicklung. Zwar ist diese aktuell eher sexueller Ausprägung, doch ist angedeutet, dass im weiteren Verlauf auch eine gefühlbetonte Ebene betreten wird.

Dennoch adressiert der Titel ein reifes Publikum, das imstande ist, Inhalte sexualisierter Gewalt ohne nennenswerte Beeinträchtigung des eigenen, seelischen Wohlbefindens wahrzunehmen. Gerade aufgrund der realitätsnah erscheinenden Erzählweise Yonedas ist besondere Vorsicht bei der Kaufentscheidung zu wahren.

Denn obwohl der Manga sicherlich lesenswert ist, mag er aufgrund der beschriebenen Umstände nicht für eine breite Leserschaft geeignet sein. Die Erzählung erinnert sehr an das In these words-Universum, das ebenfalls viele begeisterte Fans zählt, jedoch nur für einen bestimmten Teil der Boys-Love-Leserschaft auch zu empfehlen ist. Preislich sollten die angesetzten 12 Euro (D) für das Publikum keine unüberwindbare Hürde darstellen.

Diese Rezension entstand in Zusammenarbeit mit Manga Cult. Der Einfluss des Verlags bemisst sich dabei ausschließlich auf die freundliche Zurverfügungstellung eines Belegexemplars. Obiger Inhalt der Besprechung repräsentiert einzig und allein die subjektive Meinung des unten angezeigten Autoren unseres Manga-Passion-Redaktionsteams.

Lucas Sebastian

Lucas Sebastian | Autor

Student der Medien- und Kommunikationswissenschaften. Glaubt fest daran, dass thailändische Produktionen in Zukunft den Westen begeistern werden. Auf Twitter unter @LucasISebastian privat zu finden.