Interview mit Schreiber & Leser über das Manga-Label shodoku


Interview mit Schreiber & Leser über das Manga-Label shodoku
© Verlag Schreiber und Leser

Bereits seit 1981 veröffentlicht der Verlag Schreiber & Leser verschiedene Comics, Graphic Novels und vereinzelt auch Manga auf Deutsch, dennoch scheint der Herausgeber der breiten Leserschaft in Deutschland noch immer unbekannt zu sein. Und das, obwohl dort mit den Werken Jiro Taniguchis die bildbasierte Erzählkunst einer wahren Koryphäe aus Fernost veröffentlicht wird.

Entsprechend war es unserer gesamten Redaktion eine besondere Ehre, mit Filipe Tavares, den Verantwortlichen für Vertrieb und Presse, für ein exklusives Interview gewinnen zu können. Zentrales Thema des gemeinsamen Austauschs waren dabei die Arbeiten Jiro Taniguchis sowie das Manga-Segment von Schreiber & Leser. 

Im Folgenden ist das gesamte Interview zum Nachlesen samt einiger interessanter Grafiken für euch aufbereitet. Einfachheitshalber kürzen wir unseren Gast mit Pippo und unsere Redaktion mit dem bekannten Akronym MP ab. 


MP: Beim Gratis Comic Tag 2016 brachtet ihr Jiro Taniguchis Stimmen der Götter. Diese Geschichte wurde im Japanischen in FROM WILDERNESS (Kouya Yori) veröffentlicht. War zu dem Zeitpunkt eine vollständige Veröffentlichung von FROM WILDERNESS geplant, oder kommt sie vielleicht sogar noch?

Pippo: Genau, das besagte GCT-Heft zu Jiro Taniguchi – zusammen mit Carlsen Manga konzipiert – war in der Tat sehr exklusiv, da es diese Kurzgeschichte nur dieses eine Mal gab. Wir schauen bei unseren GCT-Heften immer, dass wir entweder ein ganzes Album, also Folge 1 einer Serie, präsentieren, eine Vorveröffentlichung vornehmen oder, wie 2016 bei Taniguchi möglich, sogar etwas ganz Exklusives bringen. Eine Folgeveröffentlichung der Kurzgeschichtensammlung From Wilderness war also in der Tat damals nicht geplant, aber wir behalten uns das natürlich weiter vor.

Überhaupt gibt es noch Schätze zu heben, wenn zugegebenermaßen auch nicht mehr viele. Vorhanden und spannend wären vor allem noch die zwei historisch-biografischen Manga Botchan, Seton und die Manga, die die wilde Natur (Tales of the Prehistoric Animal Kingdom und eben From Wilderness) und darin besonders eines von Taniguchis Lieblingsmotiven, des Menschen bester Freund, den Hund, in den Fokus nehmen, nämlich Blanca/Blanco. Bei S&L haben wir uns aber auf seine Sport-, Alpinismus- und Thriller-/Krimi-Manga spezialisiert, und da dürften wir mit den bis dato 15 veröffentlichten Taniguchi-Manga die Hauptwerke bereits vorgelegt haben. Große Überraschungen können also nicht mehr erwartet werden, auch wenn wir die anderen Großstadtgeschichten nach Szenarios von Natsuo Sekikawa (Lindo3!, 1978) und Caribu Marley (Live! Odyssey, 1981; Knuckle Wars, 1982-1983 oder Rude Boy, 1984-1985), aber auch Samurai non grata (1990-1991), das nach einem Szenario von Toshihiko Yahagi entstand, im Hinterkopf behalten.  

MP: Seit einigen Jahren publiziert ihr ausschließlich Manga von Jiro Taniguchi. Was war der Grund für diese Einschränkung?

Pippo: Das war eher eine Entwicklung als eine bewusste Entscheidung. Die Idee hinter dem 2006 aus der Taufe gehobenen Label „shodoku“ – klingt nicht von ungefähr ähnlich wie „sudoku“, also „Kreuzworträtsel“, da die Kanji „sho“ eben „Schreiben“ und „doku“ entsprechend „Lesen“ bedeuten (können) – bringt die Beschreibung, die damals bereits in den ersten Verlagsmitteilungen zu finden war, noch heute auf den Punkt: 

Die facettenreiche, exotische Welt der asiatischen Bildromane erwachsenen Lesern zugänglich zu machen – das hat das Label shodoku sich vorgenommen. Die japanische Bezeichnung für anspruchsvolle Manga lautet Gekiga. Es ist Lesestoff, der selten brav, schöngeistig oder politisch korrekt daherkommt. Mitunter wirken die Geschichten auf unsere Gemüter sogar ziemlich befremdlich …


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Man darf aber nicht verheimlichen, dass es in den 1990ern schon einmal Manga bei S&L gab. Diese wurden vor dem Label aber einfach ins laufende Programm integriert, so geschehen etwa bei der vollständigen Veröffentlichung von Crying Freeman von Ryoichi Ikegami und Kazuo Koike in 17 Bänden von 1993 bis 1995, bei den 10 Bänden von Sanctuary von Ryoichi Ikegami und Sho Fumimura, die von 1994 bis 1995 erschienen sind, bei den 5 Bänden von Dummy Oscar von Seisaku Kanoh und Kazuo Koike, erschienen von 1996 bis 2001, und bei den 8 Bänden von Ogenki Clinic von Haruka Inui, die von 1998 bis 2003 herauskamen.

Mit besagtem ausformulierten Profil ging es aber erst 2006 los und damit konnte man schließlich auch die Lizenzgeber etwa von Kiriko Nananan (Blue, 2006), Usamaru Furuya (Der Selbstmordclub, 2006), Jiro Taniguchi (Arbeitstitel: Der Mann aus der Tundra, bei der Veröffentlichung aber mit dem Titel: Der Wanderer im Eis, 2006) oder des südkoreanischen Künstlers Kwan Gaya (Sonne und Mond, 3 Bände, 2006-2008) für sich gewinnen. Dieser Manga-„Relaunch“ bei S&L wurde natürlich auch entsprechend beworben:


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In der Folgezeit kamen noch Künstler wie 2007 Hideo Azuma (Der Ausreißer), Yoji Fukuyama (Der Casanovakomplex) und Horror-Meister Hideshi Hino (Hino Horror-Collection) hinzu, 2010 schließlich reihten sich sogar noch Inio Asano (Sun Village) und Legende Osamu Tezuka (Barbara) in die bereits äußerst illustre Runde ein. Parallel baute man bis 2010 die Publikationsliste bei Jiro Taniguchi aus, außerdem kam bei Ryoichi Ikegami noch die 5-teilige Serie Strain dazu, sowie bei Kiriko Nananan die Geschichtensammlung Liebe und andere Lügengeschichten. Man kann also in den ersten 5 Jahren des Labels von einer sehr abwechslungsreichen Zeit sprechen.

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MP: Kommen Manga von anderen Mangaka noch in Frage, oder bleibt es vorerst nur bei Taniguchi-Werken?

Pippo: Im Grunde läuft die Konzentration auf das Frühwerk von Jiro Taniguchi jetzt schon zehn Jahre lang. Aktuell steht der 6. Band von Trouble is my Business aus, danach wird es wahrscheinlich aber erst einmal eine größere Pause geben. Und dann hängt es, wie fast immer, wesentlich von den fortlaufenden Verkaufszahlen ab, also, ob das Interesse an Jiro Taniguchi weitergeht, was uns natürlich sehr freuen würde, denn Jiro Taniguchi ist wirklich ein einmaliger Manga-Künstler gewesen. Daher tun wir uns wahrscheinlich auch mehr als schwer, ihm was anderes an die Seite zu stellen.


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Das Werk von Inio Asano weiterzuverfolgen, wäre natürlich sehr interessant gewesen, aber der Künstler landete dann bei TOKYOPOP. Und bei den Horror-Manga hatte man sich auch schon aufgestellt, aber mit der Zeit doch zu sehr von dem Genre entfernt. Natürlich hat man sich auch immer wieder mit solch wunderbaren „alternativen“ Manga beschäftigt – etwa von Taiyo Matsumoto (Sunny, Tekkon Kinkreet Master Edition), von Minetaro Mochizuki (Chiisakobee), von Eldo Yoshimizu (Ryuko) oder von Kabi Nagata (Meine lesbische Erfahrung mit Einsamkeit), aber da haben wir dann wohl einfach zu lange überlegt …

MP: Einige eurer Manga – darunter Auflagen von Gipfel der Götter, Die Stadt und das Mädchen und das in diesem Jahr erschienene Blue Fighter – haben sehr dickes Papier, welches das Lesen erschwert, wenn man den Rücken nicht brechen möchte. Benkei in New York ist wieder wesentlich dünner. Bleibt es bei zukünftigen Veröffentlichungen bei dem dünneren Papier?

Pippo: Prinzipiell achten wir einfach darauf, dass die Bücher mit der bestmöglichen Ausstattung erscheinen, um die bestmögliche Leseerfahrung zu ermöglichen. Papier mit mehr Volumen kommt da vor allem zum Einsatz, wenn man vermeiden will, dass die Gegenseiten beim Lesen (zu sehr) durchscheinen. Wenn aber dünneres Papier zur Verfügung steht, welches etwa das Durscheinen bei gleicher Griffigkeit vermeidet, sind wir solchen „Updates“ gegenüber natürlich nie verschlossen. Daher sind wir auch immer bereit, vermeintliche Verbesserungen zu „riskieren“. Und wenn von Leserseite – wie jetzt hier – positives Feedback kommt, bleiben wir auch dabei, wenn es sich einrichten lässt. Ganz nach dem Motto: „Glückliche Fans, glücklicher Verlag“.

MP: Hast du Empfehlungen aus eurem Comic-Sortiment, die Fans von Taniguchi gefallen könnten?

Pippo: Wir haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Manga-Leser*innen ganz verblüfft sind, wenn sie die Werke des US-Indie-Künstlers Terry Moore für sich entdecken. Man muss sich als Manga-Leser*in natürlich erst einmal an die Leserichtung von links oben nach rechts unten sowie vom „Buchende“ zum „Buchanfang“ gewöhnen, aber der Schwarz-Weiß-Stil und die Erzählweise erleichtern es, dass man sofort in die Geschichten hineingezogen wird. Mit der 6-teiligen Reihe Strangers in Paradise dürften vor allem Slice-of-Life- sowie Girls-Love-Fans sofort etwas anfangen können, die sieben Folgen von Rachel Rising hingegen sind definitiv etwas für Horror- und Gothic-Fans, und in den drei Bänden von Echo bekommt eine junge Frau Superkräfte, also klassische Action mit einem Schuss Sci-Fi. Überhaupt stehen starke Frauenfiguren im Zentrum des sogenannten Terryverse, zu dem es bei S&L noch zwei weitere Einzelbände gibt. Für den Einstieg sind die drei genannten Serien aber erst einmal bestens geeignet, danach erst sollte man zu den anderen Veröffentlichungen greifen.

Also, unbedingt mal ins Terryverse reinschnuppern, falls noch nicht gemacht, denn das bringt massig viel Lesestoff und „Suchtgefahr“.

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