Besprechung von „Der Geschmack von Glück“

Samstag, 18. Juli 2020, 14:00
Besprechung von „Der Geschmack von Glück“
REN-CHIN! © KAKINE / libre 2018

Vor einigen Tagen warfen wir bereits einen Blick auf den Einzelband An Invisible Scar von Tomo Kurahashi. Wie auch dieser Manga entstammt Der Geschmack von Glück dem Segment der sich liebenden Männer – Boys Love. 

Zunächst ein paar Fakten zu dem Manga von KAKINE. Publisher KAZÉ veröffentliche den 186 Seiten umfassenden Band im Mai dieses Jahres auf Deutsch. Neben einer doppelseitig bedruckten Farbseite ist der Manga frei von Extras. Man versprach zur Ankündigung ein Werk, dass „allen Leser*Innen schmecken wird, denen tiefe Gefühle wichtig sind“. Unser Redakteur, der besonderen Wert auf die Darstellung von Emotionen legt, überprüft im Folgenden dieses Versprechen kritisch. 

Die Handlung zeugt zumindest nur von einem limitierten Geschmackserlebnis. Der Gourmet-Reporter Shogo Waki ist neu beim Fernsehen, aber zeigt sich höchst engagiert bei seiner neuen Sendung. In dieser besucht er spontan Leute und erfragt deren geplantes Abendessen, lässt sich dabei auch gerne einladen und plaudert mit den überrumpelten Gästen der Show. 

So pflegt Waki dies auch mit dem einsamen, aber im Kochen talentierten jungen Mann namens Yoshiro. Dessen Essen verschlingt der als attraktiv gelobte Gourmet-Reporter – ebenso wie sämtliche essbare Vorräte, die der übermannte Eigenbrötler in seinem Haushalt aufreiben kann. Nachdem der Bauch des Journalisten final gefüllt ist, verlässt dieser bereits wieder die Wohnung Yoshiros.

Doch wäre es kein BL-Manga, wenn dies die einzige Begegnung der beiden Figuren bliebe. Die Geschichte, die sich im Übrigen durch den gesamten Einzelband erstreckt, fährt mit einem erneuten Aufeinandertreffen der beiden Männer fort. In Folge erfährt Yoshiro ein Geheimnis über den erfolgreichen TV-Entertainer: Trotz seines Postens als Gourmet hat er keinen Geschmackssinn. Dennoch besteht er immer wieder darauf, dass Yoshiros Essen ein besonderes Gefühl in ihm hervorrufe. Ganz die Klischee-Handlung eben. 

Daraufhin verändert sich die Beziehung beider Figuren zueinander zunehmend. Immer öfter isst sich der schicke Reporter bei dem ledigen Mann mit dem goldenen Kochlöffel durch. Auch als Waki durch Kollegen Yoshiros auf die Homosexualität von diesem aufmerksam gemacht wird, wendet sich der engagierte junge Mann nicht von diesem ab. Gleichzeitig vermittelt ihm jedoch sein Chef recht ausdrücklich, dass das unbeschmutzte Image des Fernseh-Gourmets unbedingt erhalten bleiben müsse – keine Skandale erwünscht.

Zwei Ereignisse beeinflussen die folgende Geschichte wegweisend. Einerseits brennt die Wohnung Wakis ab, sodass dieser gezwungen ist, sich bei einem Bekannten einzuquartieren. Andererseits erleidet Yoshiros Mutter einen Schwächeanfall, sodass dieser eine radikale Entscheidung trifft. Wie das Geschehen weiter verläuft, möchten wir an dieser Stelle nicht vorwegnehmen.

 

Die Handlung gestaltet sich somit relativ generisch und hält wenig Überraschungen bereit. Doch steigert sich der Einzelband nach den ersten zwei Kapiteln schrittweise. Positiv ist ebenso anzumerken, dass die meisten aufgeworfenen Handlungsfäden immerhin gegen Ende miteinander verknüpfen.

REN-CHIN! © KAKINE / libre 2018

Hinsichtlich des Zeichenstils ist Mangaka KAKINE ihrem Stil treu geblieben. Die Illustrationen sind durchaus zweckdienlich und visualisieren die Geschichte auf zufriedenstellende Art und Weise. Highlights sind die vereinzelt großen Zeichnungen, die bestimmte Emotionen stellenweise unterstreichen und den Zugang zu den handelnden Figuren erleichtern sollen.

Die ansonsten eher klein gehaltenen Panels würden ansonsten ein völliges Distanzgefühl erzeugen, das es in einem auf Gefühle ausgelegten Manga zu vermeiden gilt. Schattierungen sind ebenso wie der Gebrauch von Rasterfolie im Einsatz, jedoch kein Blickfang. Um sporadische Hintergründe war man beim Zeichnen zumindest bemüht – wenngleich viele Panels leer oder zumindest karg wirken. 

Argumentativ wäre dies maximal mit einem gewünschten Fokus auf die Emotionen der Charaktere zu erklären. Inwiefern dies zutrifft, bleibt zu spekulieren. Sicherlich sind die Zeichnungen im stereotypischen Mittelfeld anzuordnen, doch auch keine Augenweide der besonderen Art. Liebhaber erotischer Szenen werden mit Der Geschmack von Glück eher enttäuscht. Diese sind in sehr kleinem Umfang gehalten.

Jener Umfang ist dabei so klein, dass er im dritten Kapitel die Entwicklung der Geschichte sogar eher behindert als vorantreibt. Dies gilt ebenso für spätere Szenen dieser Art. Der Manga ist sicherlich ein harmloser Boys Love-Titel, dessen sexuell anzügliche Szenen als obsolet zu betrachten sind. Es ist schade, dass es zu beschriebenem Bruch im Lesefluss kam.

Dies referiert zugleich auf das Storytelling. Währen dieses zunächst langsam und gemächlich anläuft, zieht das Erzähltempo mit dem dritten Kapitel deutlich an. Parallel tritt ein Charakter aus Yoshiros Vergangenheit in das Geschehen ein, dessen Auftreten von keiner gehobenen Relevanz ist. Sicherlich wäre ein Erwähnen von diesem bereits ausreichend gewesen.

Während der Hauptcast eher generischer Natur ist, stellt die Mutter Yoshiros sicherlich eine der sympathischsten Damen des BL-Segments dar. Schade, dass ein Aufeinandertreffen von Waki und dieser ausbleibt – dafür fehlte letztlich wohl der Platz im Manga. Stattdessen setzte man auf einen anzüglichen Bonus für den Einzelband, der nach der Hauptgeschichte angesiedelt ist.

Ebenso positiv ist der Humor der Serie anzumerken. So präsentiert sich Protagonist Waki als sehr spontane Frohnatur, der die Geschichte stetig auflockert. Dieser Kontrast zu Yoshiro ist unbedingt nötig, da dieser das verschlossene Pendant darstellt. 

Im Zuge des Fazits ist zunächst anzumerken, dass es sich bei Der Geschmack von Glück nicht um eine Kurzgeschichten-Sammlung handelt. Die titelgebende Geschichte durchzieht den gesamten Einzelband. Der dadurch geschaffene Raum findet leider keine ideale Verwendung. Während anfangs die Handlung nur sehr gediegen anläuft, hetzt sich diese in den folgenden Kapiteln zunehmend. 

Trotz Kritik am rasanten Fortschreiten der Story bleibt – zugegebenermaßen – auch Platz für die Darstellung der Emotionen. Insofern hält KAZÉ Wort. Fans der Mangaka dürften durchaus Freude mit dem Einzelband haben, ebenso wie all jene, die Geschichten ohne seitenlange Erotik erwarten. Als Manga für zwischendurch womöglich eine Bereicherung für die eigene BL-Sammlung.

Der Einzelband von KAKINE ist bereits auf Deutsch erhältlich und sicherlich bei jedem gut sortierten Händler zu erwerben. Solltest du nach unserer Review noch immer unsicher sein, ob der Titel deinen Geschmack von Glück treffen könnte, empfehlen wir die ausführliche Leseprobe. Diese beinhaltet das gesamte erste Kapitel auf Deutsch. Außerdem kannst du das Motiv der Farbseite prüfen.

Schlussendlich bedanken wir uns bei dir für das aufmerksame Lesen sowie bei KAZÉ Manga für Bereitstellen eines Prüfexemplars, das diesen umfangreichen Artikel ermöglicht.