Manhua-Special #3: „Der freie Vogel fliegt“

Montag, 9. November 2020, 11:29
Manhua-Special #3: „Der freie Vogel fliegt“
© 2018 寂地 Jidi, 阿梗 Ageng 

Wie angekündigt, wendet sich die Redaktion von Manga Passion weiteren chinesischen Werken, sogenannten Manhua, zu. Der bereits dritte Teil unseres entsprechenden Specials behandelt dabei die sechsbändige Reihe Der freie Vogel fliegt von Jidi und Ageng. Verlag Chinabooks publizierte die Reihe bereits komplett auf Deutsch. 

Die vorliegende Fassung ist dabei – wie auch schon Der erste Kaiser – zweisprachig: die erste Hälfte des von links nach rechts zu lesenden Buches ist in Deutsch, der zweite Teil dagegen ist komplett auf Chinesisch. Der Inhalt beider Parts ist selbstverständlich identisch. Allerdings hängt der zweiten Hälfte mancher Bände noch eine ausführliche Vokabelliste an, welche insbesondere Studierenden der ostasiatischen Sprache gute Dienste erweisen dürfte. Die ausführlichen Anmerkungen für neugierige Leser sind in der Mitte einiger Bücher sind auf Deutsch vorzufinden.

Seit Juli diesen Jahres ist die Reihe hierzulande komplett verfügbar. Jeder der sechs Bände im besonderen Großformat von 25,8 (Höhe) x 18,7 (Breite) Zentimeter hat dabei einen Gesamtumfang von 250 bis 300 Seiten. Das Buch ist in Vollfarbe auf Hochglanz-Papier gedruckt. Folglich wiegt jeder Teil um ein Kilogramm. Preislich sind pro Band 24,90 Euro (D) zu entrichten. 

Inhaltsbeschreibung:

Im China der 1990er-Jahre zieht die junge Lin Xiaolu mit ihrer Mutter in die westchinesische Stadt Chengdu, einen Ort, in dem aufgrund der Lage nur selten die Sonne scheint. Die Eltern des Mädchens sind zu diesem Zeitpunkt bereits geschieden. Als Scheidungskind und ihrem kühlen Umgang mit dieser Situation wurde sie zuvor in der Grundschule gehänselt und systematisch ausgegrenzt. 

Mit dem Umzug wechselt Xiaolu in die Mittelschule. Aufgrund ihrer schulischen Leistungen besucht sie nur eine einfache Mittelschule mit Schwerpunkt auf Kunst und Gestaltung. Ihr Vater verachtet diese Schwäche. Ebenso betrachtet er die Vorliebe seiner Tochter für das Zeichnen und Malen als Zeitverschwendung. Den elterlichen Druck vernehmend steigern sich die Noten Xiaolus allerdings nicht.

Auch die Vergleiche mit ihrer Cousine Ruirui, einer vorbildlichen Schülerin an renommierter Schule mit hervorragenden Zukunftsaussichten, reißen nicht ab. Nachdem sie in Chengdu in eine neue Klassengemeinschaft eintritt, beschließt sie, aufgrund dieser Erfahrungen der Vergangenheit, in eine Art der Selbstisolation zu treten. So sinniert sie fortlaufend innerhalb ihrer eigenen, fantastischen und bunten Gedankenwelt. Auch in ihre geliebten, raubkopierten Comics taucht sie regelmäßig ab.

© 2018 寂地 Jidi, 阿梗 Ageng 

An der neuen Schule entdeckt Xiaolu einen älteren Schüler, er ist eine Klassenstufe über ihr – aber für sie unereichbar; zumindest scheint es so. Schon bald gelten viele ihrer Gedanken dem hünschen Jungen namens Han Che, der einen kleinen Laden frequentiert. Xiaolu beobachten den mysteriösen Jugendlichen über die Zeit hinweg. Erwähntes Geschäft entwickelt sich im Verlauf der Geschichte somit zu einem wiederkehrenden Schauplatz – es istgefüllt mit seltenen Büchern, Figuren und anderen kuriosen Dingen und Antiquitäten, die oft an die Reisen des Besitzers, Hu Xu, erinnern. Der Mann mittleren Alters lebt in einem komplizierten Verhältnis mit der hübschen wie erfolgreichen Xiaoman, einer weiteren, wichtigen Figur des Ensembles.

Mit dem Eintritt in die Sphäre dieses Ladens öffnet die junge Protagonistin ihre Mitte auch für weitere Menschen in ihrem Leben – Gleichaltrige. Während Xiaolu den älteren Han Che weiterhin aus der Ferne beobachtet, beginnt ihr Freundeskreis zu wachsen. Mit Xie Siyao und Su Yan sowie deren Bekannten ist sie Teil einer akzeptierten Clique. Ihre Einsamkeit scheitn zu verfliegen beginnen und doch verbleibt sie in ihren Handlungen unsicher. Ein langer, belastener Lebensweg liegt vor dem jungen Mädchen aus China.

Insbesondere die bereits angejahrte Leserschaft von Der freie Vogel fliegt ist eingeladen, in sechs Bänden nicht nur die Jugend Xiaolus und jene ihres persönlichen Umfelds in ihren Höhen und Tiefen ausschnittweise zu begleiten, sondern auch an die eigene Reifezeit zurückzudenken. Reflektierend über die Inhalte dieser Reihe nachzudenken, darüber zu philosophieren, ist darüber hinaus ein weiterer Aspekt, der diesem Titel einen besonderen Flair beiordnet. 

Visualisierung:

Eben jene Ausstrahlung wird von den fantastischen Illustrationen der vorliegenden Geschichte getragen. Fantastisch ist dabei dem Wortursprung, der Fantasie nach, zu verstehen. Denn nicht zwingend setzt das Werk in seiner Ausgestaltung auf eine realitätsnahe Farbgebung. Innerhalb der erwähnten Gedankenwelt Xiaolus ist die Welt nicht starr, sie ist bunt und in ihrer Dartstellung variabel – unterliegt dabei lediglich dem Willen ihrer Schöpferin, der jungen Schülerin aus Chengdu. Diese Präsentation ist dabei keinesfalls dauerhaft in Kraft.

Außerhalb dem Ideenreich jenes Mädchens stellt Künstlerin Ageng das Geschehen strikter da, weniger farbenfroh – der tatsächlichen Lebenswelt angepasst. Zunehmend unterlegt sie die Handlung auch mit ausgefallenen Hintergrundgestaltungen, die stets prächtig zu betrachten sind. Das Großformat von 25,8 (Höhe) x 18,7 (Breite) Zentimeter entfaltet die Bebilderung in besonderem Maße.

Die gesamte Reihe ist koloriert. Dabei erscheint der Stil angenehm zwanglos, wenig starr – ein wenig wässrig. Zugleich wieder verspielt und gefühlsbetont. Eine breite Palette der Emotionen ist im Sinne der Optik geboten. Da jeder Band über eine eigene, deutschsprachige Leseprobe durch Verlag Chinabooks verfügt, ist weitläufige Möglichkeit zur Einsicht geboten. Wir listen die sechs verfügbaren Previews nachfolgend:

Erzählweise:

Die semi-autobiographische Geschichte Jidis ermöglicht der offenen wie interessierten Leserschaft die Retrospektive der eigenen Vergangenheit – vertreten durch Protagonistin Xiaolu. Hierbei werden insbesondere zwei Typen von Publika adressiert. Einerseits das Publikum, welches wehmütig auf die eigene Historie zurückblickt – andererseits jenes, das sich gerade in der beschriebenen Reifephase befindet und eigene Schierigkeiten des jungen Lebens zu bewältigen hat.

Die Autorin übermittelt eine wahrlich Mut machende Botschaft, sie betont, dass das Heraustreten in die Welt große Möglichkeiten bietet. Ebenso bereitet das Werk gesellschaftskritischen Fragen Raum – auf verschiedenen Ebenen wird über das Leben und dessen Wert philosophiert. Die Geburt, das Heranwachsen und auch der Tod sind Teil der Thematik der Arbeit. Nebstdem wird der in China herrschende Leistungsdruck prüfend behandelt.

© 2018 寂地 Jidi, 阿梗 Ageng  | © 2020 寂地 Jidi, 阿梗 Ageng 

Auch die eingangs erklärte Situation der Scheidung und der damit verbundenen Isolationen durch ihre Mitschüler wird behandelt – sachlich wie wertend. Stets liegen die Anschauungen der Protagonistin für die Leserschaft offen – die Figuren um sie herum bedürfen dagegen Interpretation. Dabei sind die Vorstellungen Xiaolus nicht zwingend mit der Realität deckungsgleich – ulkige Resultate sind beispielsweise zu erwarten, die aus Missinterpretationen der Situation durch die lebensunerfahrene Schülerin resultieren. Perspektivisches Gold. 

Lieberhaber asiatischer Populärkultrur werden zudem zahlreiche Anspielungen auf andere Franchises erkennen. Ob Saint Seiya, Detektiv Conan oder Doraemon – um nur einige wenige Beispiele zu benennen –, jeder wird im Verlauf der Erzählung auf Bekanntes stoßes. Selbst der Westen mit einem Auftritt seiner möglicherweise populärsten Zeichentrick-Figur der Neuzeit, Spongebob Schwammkopf, ist bedacht. 

Über Ageng und Jidi:

Jidi ist ein Pseudonym, ihr richtiger Name lautet Zu Yale. Jidi wurde 1983 in Chengdu geboren. Sie zählt in China heute zu den wichtigsten Comickünstlern ihrer Generation. Ab 2004 veröffentlichte sie die Reihe „我的路 Wo de lu /MY WAY“, die zu einem Bestseller avancierte und mittlerweile 8 Bände umfasst. Die Rechte daran wurden u.a. nach Frankreich und Malaysia verkauft. 2008 veröffentlichte sie den Roman „踮脚张望的时光 dianjiao zhangwang de shiguang”, der als Vorlage für die spätere Comicreihe “Der freie Vogel fliegt“ dienen sollte. Ab 2010 erschien dann in Zusammenarbeit mit der Zeichnerin Ageng die Comicreihe „踮脚张望 dianjiao zhangwang“ (deutscher Titel: Der freie Vogel fliegt), die mit dem Ende 2017 erscheinenden sechsten Band abgeschlossen sein wird.

Jidi wurde in China mehrfach mit Preisen ausgezeichnet und wird gleichermaßen von der Kritik wie vom Publikum geschätzt.
Die Reihe hat in China, Japan und Korea die wichtigsten Auszeichnungen im Bereich Comic/Graphic Novel erhalten (u.a. Japan International Manga Award, ICC Comic Award aus Südkorea und China Animation & Comic Competition Golden Dragon Award). In Frankreich ist der erste und zweite Band bei EP bereits in einer französischen Ausgabe erschienen.

Jidi wird als Zeichnerin nachgesagt, eine „Magierin des Lichts und der Farben“ zu sein. In ihren die Herzen erwärmenden Geschichten geht es um menschliche Schicksalsschlägen, aber sie machen uns Mut, trotz allem Weiterzuleben, sie transportieren gleichzeitig Trauer und Hoffnung.
Jidi lebt gegenwärtig mit ihrem Mann in Dali, in der südwestlichen Provinz Yunnan.

Crunchyroll: Chinesische Manhua vs. Japanische Manga - Interview mit den Manhua-Künstlern Jidi & Ageng

Ageng ist wie Jidi ein Pseudonym. Ageng heisst eigentlich mit richtigem Namen Pan Liping. Sie wurde 1979 in Beihai in der Provinz Guangxi geboren. Neben ihrer Tätigkeit als Comiczeichnerin und Illustratorin unterrichtet Sie gegenwärtig an der Kunsthochschule von Guangxi. Sie hat in China zahlreiche namenhafte Comic- und Illustrationspreise erhalten und ihre Illustrationen wurden mehrfach in Ausstellungen in zahlreichen Kunstmuseen gezeigt. (© Chinabooks E. Wolf)  

Konklusion:

Mit Der freie Vogel fliegt präsentieren die beiden Künstlerinnen ein Werk, das als unvergleichbar zu beurteilen ist. Die sechsteilige Reihe ist in Asien bereits mehrfach ausgezeichnet – absolut verdienterweise, finden wir. So wurde der Arbeit von Jidi und Agend beispielsweise in Japan der International Manga Award, in Südkorea der ICC Comic Award und in China der China Animation & Comic Competition Golden Dragon Award zuteil. Wichtige Auszeichnungen.

Verlag Chinabooks präsentiert die besonders großformatige Produktion nicht nur in einer bilingualen Fassung, sondern auch mit einem qualitativen Farbdruck auf Hochglanz-Papier. Der Preis von fast 25 Euro pro Band mag sicherlich hoch erscheinen, ist unter Berücksichtigung der gebotenen Aufmachung allerdings als gerechtfertigt zu betrachten. Lediglich der etwas besorgniserregende Buchrücken hätte mittels einer ihn verstärkenden Maßnahme produziert werden sollen. Bei sorgfältigem Gebrauch – wie dem unseren – bricht dieser allerdings nicht.

Die Sammelnden sind außerdem auf die fehlerhafte Gestaltung des Buchrückens des vierten Bandes hingewiesen. Auf dem Spine des benannten Teils ist der Schriftzug um einige Zentimeter nach unten verschoben. In diesem Foto haben wir den Zustand festgehalten. Der Erzählung schadet dies nicht – inhaltlich sind wir von dem Werk absolut überzeugt. 

Es ist allerdings auch anzumerken, dass der Titel erst mit dem zweiten Band an sprichwörtlicher Fahrt aufnimmt. Entsprechend ist unbedingt anzuraten, nicht nach dem Auftaktband zu resignieren und der – unserer Meinung nach – hervorragenden Arbeit zu entfliehen. Ausdrücklich ist die Bitte formuliert, dem Manhua den benötigten Raum zur Entfaltung zu bieten. Obgleich dies nur als sinnreich zu erachten ist, sofern  das potenzielle Publikum bereit ist, sich dem chinesischen Titel und dessen eigenem Charme sowie dessen wirkender Melancholie zu öffnen. Wie im Absatz der Erzählweise dargelegt, spiegelt Der freie Vogel fliegt das Leben äußerst facettenreich wider – tiefberührende Dramatik inklusive, die wesentlich tiefer als eine unglückliche Liebe reicht. 

© 2020 寂地 Jidi, 阿梗 Ageng 

Dieser Gesamteindruck wäre ohne die großartige Visualisierung Agengs, basierend auf dem Originalroman von Jidi, mit Bestimmtheit nicht entstanden, weswegen abschließend mit besonderem Nachdruck auf diese lobend zu verweisen ist. Gleichwohl ist anzuerkennen, dass dieser Stil möglicherweise nicht der gesamten Leserschaft zusprechen wird – wiederholt ist daher um Aufgeschlossenheit zu ersuchen. 

Wir übermitteln größtmöglichen Dank an das Team von Chinabooks, das uns freundlicherweise mit einem Satz der Bücher zum Lesen für diese Besprechung versorgte. Diese sowie weitere interessante Publikationen mit China-Bezug sind in dem verlinkten Verlagsshop zum Verkauf gelistet. Im Verlauf der nächsten Wochen wird dir Manga Passion noch einen weiteren Manhua-Titel des Verlags genauer vorstellen.