In memoriam: „Opus“ von Satoshi Kon – Vorstellung

Freitag, 16. Oktober 2020, 15:24
In memoriam: „Opus“ von Satoshi Kon – Vorstellung
OPUS Volume 1 © KON'STONE, Inc. 2011 by TOKUMA SHOTEN PUBLISHING CO., LTD., Tokyo. © Carlsen Verlag GmbH · Hamburg 2015

Anlässlich dem im August zum zehnten Mal gejährten Todestag von Satoshi Kon, einem der bedeutendsten Schöpfer japanischer Populärkultur, planten wir seitdem einen entsprechenden Beitrag zu dem in Vergessenheit geratenen Künstler. Manga Passion möchte diesem Prozess entgegenwirken und stellt den einzigen deutschsprachigen Titel, Opus aus dem Carlsen Verlag, vor. Darüber hinaus repetieren wir die wichtigsten Eckdaten der Biographie des Multitalents aus Fernost. 

Erwähnte Reihe umfasst insgesamt zwei Bände und ist ursprünglich zwischen 1995 und 1996 erschienen. Hierzulande erreichte uns das Werk erst rund 20 Jahre später – ab Januar 2015 publizierte Carlsen Manga Opus auf Deutsch. Noch immer sind beide Teile der Dilogie in ihrer Erstauflage verfügbar. Warum der Preis von 14,90 Euro (D) pro Buch nicht abschrecken sollte, legen wir nachfolgend dar.

Zunächst ist auf die besondere Verarbeitung hinzuweisen. Die großformatigen Klappenbroschuren bestechen hierbei insbesondere durch mehrere doppelseitig bedruckte Hochglanz-Farbseiten sowie die verbesserte Papierqualität im Allgemeinen. Diese zeichnet sich durch eine spürbar erhöhte Dicke der einzelnen Seiten aus. Außen sind die beiden Bände matt beschichtet. 

Inhaltsbeschreibung

Chikara Nagai ist professioneller Manga-Zeichner und steht kurz vor dem Abschluss seiner aktuellen Reihe Resonance. Gerade arbeitet er an den letzten Seiten des Storyboards für das aktuelle Kapitel, das schon bald in der neuen Ausgabe erscheinen soll. Eine signifikante Seite zeigt dabei den Tod einer tragenden Figur nach der finalen Auseinandersetzung mit dem Antagonisten der gezeichneten Serie. 

Soweit gestaltet sich Nagais Tag gewöhnlich. Dieser Zustand des Vertrauten ändert sich jedoch schlagartig, als der Autor durch eine Seite seines Manuskripts in das ursprünglich fiktionale Geschehen gezogen wird. So findet er sich plötzlich inmitten des Kampfgeschehens wieder. Jedes von ihm geschaffene Objekt erscheint nun real. Nachdem er seine Lage erkannt hat, versucht er wieder Herr über sein Werk zu werden.

Doch mit der Entwendung jener wichtigen Seite durch einen von ihm erdachten Protagonisten namens Rin kann er den Manga nicht abschließen. Es liegt nun an ihm, den Teil des Manuskripts zurückzuerlangen und die Welt von Resonance zu retten. Obwohl er zwar der Schöpfer dieser Umgebung ist, verfügt er über keinerlei Kontrolle. Insbesondere Rin möchte selbst über seine Existenz entscheiden.

OPUS Volume 1 © KON'STONE, Inc. 2011 by TOKUMA SHOTEN PUBLISHING CO., LTD., Tokyo. © Carlsen Verlag GmbH · Hamburg 2015

Bei dem Versuch der Wiederbeschaffung jenes Blattes Papier gerät der Autor zugleich tiefer in seine Geschichte hinein. Er lernt nicht nur den Aufbau der Welt besser zu verstehen, sondern auch die von ihm erfundenen Protagonisten. Zeitgleich hinterfragen diese, weshalb ihr Erschöpfer, ihr Gott, so grausam zu ihnen war – sie mit Leid und Grauen konfrontiert hat, ihr Leben zerstört hat.

Nagai weiß keine Antwort, aber beginnt zu reflektieren, wie er die aktuelle Situation gen positiven Ausgang entwickeln könnte. Allerdings stellt er schon bald daraufhin fest, dass jede Änderung der Vergangenheit in einer potenziell gefährlichen Verzerrung resultiert, die die gesamte Existenz seines Mangas gefährdet. Die Fiktion und die ihm bekannte Realität drohen zu verlaufen. Denn nicht nur Rin, sondern auch der Antagonist seiner gezeichneten Serie, ein Sektenführer mit übersinnlichen Kräften, wittert Gelegenheit, seinen Geltungsbereich zu erweitern.

Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der die Grenzen der Wirklichkeit mehrfach durchbricht und in einem philosophischen Unterfangen mündet. Leider wird dieses nicht abschließend bearbeitet, so wurde das Werk in Japan mit dem Einstellen der Manga-Zeitschrift Comic Ryu mit dem 19. Kapitel abgebrochen. 

Ursprünglich war keine Taschenbuch-Ausgabe von Opus geplant. Erst nach dem Tod von Satoshi Kon entschied man sich im Ursprungsland Japan für eine entsprechende Publikation. Im Nachlass des Autoren fand man zudem ein weiteres Kapitel. Dieses ist zwar nicht final angelegt, aber bringt die Geschichte erkennbar zusammen. In Absprache mit der verbleibenden Familie wurde die Veröffentlichung des Skripts genehmigt. Die Fassung von Carlsen Manga enthält das zusätzliche 20. Kapitel.

Visualisierung

Der Manga und dessen Zeichnungen sind Produkte des letzten Jahrtausends. Dies sieht man den Illustrationen sicherlich an, aber es sei davor gewarnt, den Titel aufgrund dessen nicht zu lesen. Denn mit Opus erwartet die Leserschaft ein wahres Vorzeigewerk der Symbiose beider Elemente des japanischen Comic-Mediums: der Geschichte und der Visualisierung von dieser. 

Kon legte besonderen Ausdruck in seine Bilder. Die Thematik der Befindlichkeit innerhalb des Mangas legt er auch optisch dar. Seine Präsentation ist detailliert in der Realität, aber vereinfacht innerhalb der Geschichte gehalten. Einige Seiten stellt er wie den Rohentwurf eines Manuskripts dar, auf anderen unterstreicht er die Leere des Raums durch das Auslassen von Hintergründen.

Stets erscheinen die Gedankenzüge des Künstlers hinter der graphischen Aufbereitung logisch. Zu Beginn hebt Kon die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Dichtung hervor, um diese in weiteren Schritten auch visuell einander anzunähern. Dabei ist eine hohe Güte der Zeichnungen als vorausgesetzt zu betrachten. 

Das Cyberpunk-Setting der Geschichte ist genregetreu umgesetzt und weiß insbesondere durch die Hintergrundgestaltung en détail zu gefallen. Mit großer wie qualitativer Varianz hinsichtlich der Illustrationen überzeugt Opus somit umfassend. Auch aufgrund dieser virtuosen Technik des Zeichnens wurde Opus zurecht in Frankreich mit dem Prix Asie de la Critique ACBD prämiert. Zudem setzte man die Dilogie auf die Shortlist der besten Comics des Comic-Salons Angoulême .

Satoshi Kon – Ein Rückblick

In dieser Sektion des Artikels möchten wir uns dem Künstler, Herrn Satoshi Kon, selbst widmen. In einem entsprechend prägnanten Rahmen gilt es, auf das Leben des vielseitig beschäftigten Japaners zurückzublicken, an ihn zu erinnern und ihn mit euch bekannt zu machen, sofern der Name bisher nicht zu euch durchgedrungen ist. 

Bereits 1963, am 12. Oktober, wurde Kon ist Sapporo (Hokaido) geboren. Während seiner Kind- und Jugendzeit zog er aus beruflichen Gründen seines Vaters mehrfach um. Schließlich besuchte er in Kushiro eine Oberschule, an welcher er auch seinen Abschluss machte. Somit wurde ihm eine Hochschulberechtigung gewährt. Während dieser Zeit beschloss der junge Kon, Zeichner zu werden So studierte er ab 1982 Visuelles Kommunikationsdesign an der Kunsthochschule Musashino. Diese Ausbildung beendet er 1987 erfolgreich. 

Interview mit Satoshi Kon | Perfect Blue (1997) - Special Feature

Noch zur Zeit seiner universitären Bildung debütierte Kon 1984 mit Toriko, welches mit einem wichtigen Nachwuchspreis des japanischen Verlages Kodansha ausgezeichnet wurde. Mit seinem zweiten Manga, Curve, tritt er offiziell als professioneller Mangaka auf. Es folgte Kaikisen im Jahr 1990, ein Einzelband. Ein Jahr später wirkte er an World Apartment Horror mit. 

Anschließend arbeitete er an Animationsfilmen, auch während seiner Arbeit an Opus. Mit der Produktion von Perfect Blue ist Kon erstmals als Regiesseur tätig. Mit Millenium Actress erzielte er weitere Erfolge. Der Film wurde vom japanischen Kulturministerium ausgezeichnet. Außerdem betreute Kon Projekte wie Tokyo Godfather und Paprika, die sich noch immer hoher Beliebtheit erfreuen.

Heute weniger bekannt: Der Künstler war außerdem an der OVA JoJo no Kimyou na Bouken mit diversen Aufgaben betreut. Diese Animationsreihe und ihr Prequel adaptierten erstmals Hirohiko Arakis JoJo’s Bizarre Adventure. Seine Werke sind oftmals von der auch in Opus vorzufindenden Thematik der nicht länger trennscharfen Überschneidung von Realität und Fantasie geprägt.

Vor zehn Jahren, am 24. August 2010, verstarb Kon an den Folgen seiner Bauchspeicheldrüsenkrebs-Erkrankung. Er war verheiratet. Nach seinem Ableben lud seine Familie einen zuvor erstellten Blogbeitrag hoch. In diesem beschreibt er den 18. Mai (2010) als unvergesslichen Tag – im negativen Sinne. Denn ein Kardiologe des Musashino-Krankenhaus teilte ihm das Ergebnis einer Untersuchung mit: Erwähnte Erkrankung im Endstadium. Zu diesem Zeitpunkt gab ihm der Mediziner die Prognose, dass er nur noch bis zu sechs Monate leben würde.

Kon beendete seine letzte offizielle Niederschrift mit den folgenden Worten: „Mit Gefühlen der Dankbarkeit für alles Gute in dieser Welt legte ich meine Feder weg. Nun, ich werde jetzt gehen.“. Den Originaltext sicherte man hier ab.

Erzählweise

Aus der Sicht von Manga-Zeichner Nagai verfolgt das Publikum diesen Akt des Mise en abyme. Obwohl dies nach unserer Beschreibung verwirrend erscheinen mag ist mit Bestimmtheit zu versichern, dass es zu keinem Zeitpunkt zu Schwierigkeiten des Verständnisses kommt. Kon ist trotz zuvor benannter, verfließender Überläufe erfolgreich um einen transparenten Ablauf des Geschehens bemüht gewesen.

Außerdem ist die reflektierende Eigenschaft des Protagonisten in ihrer Entwicklung innerhalb der Handlung als äußerst positiv zu beurteilen. Sowohl in deren Geschwindigkeit als auch Darstellung ist das Umstellen von Nagais Denken glaubhaft dargestellt. Auch die Leserschaft von Opus ist zunächst beauftragt, das Gefühlsleben der fiktionalen Figuren nachzuempfinden. Dies führt außerdem in einen Diskurs, der behandelt, ob eine solche Praxis – fühlenden Existenzen im Rahmen der Unterhaltung Schaden zuzufügen – vertretbar ist. Sicherlich lädt das Werk ein, eigene Gedanken-Experimente vorzunehmen. Satoshi Kons Arbeit prägt nicht nur den Moment des Konsums, des Lesens, sondern auch die Stunden und Tage danach. 

Fazit

Zusammenfassend ist Opus treffend als spannend in Handlung, Erzählweise und der visuellen Umsetzung zu beschreiben. Wenngleich die Geschichte nicht in vollem Maße als beendet zu betrachten ist, stellt das zwanzigste Kapitel einen dennoch akzeptablen Punkt des Abschlusses dar. Die Dilogie richtet sich dabei aufgrund der inhaltlich profunden Thematik vor allem an eine Leserschaft mit Interesse an reifen Erzählungen. Allerdings dürfte die Krimi-artige Erzählstruktur innerhalb des Buches auch bei einem breiteren Publikum auf Gefallen stoßen, sofern sich dieses für eine entsprechende Geschichte öffnet. Dazu möchten wir an dieser Stelle unbedingt anraten. 

OPUS Volume 2 © KON'STONE, Inc. 2011 by TOKUMA SHOTEN PUBLISHING CO., LTD., Tokyo. © Carlsen Verlag GmbH · Hamburg 2015

Unsere Redaktion bedankt sich abschließend bei dem Team von Carlsen Manga, das diese Rezension und Würdigung von Satoshi Kon durch die Bereitstellung von Belegexemplaren maßgeblich unterstützt hat. Wir hoffen, dass auch weitere Werke des viel zu früh verstorbenen Künstler – trotz ihres Nischen-Daseins – den deutschsprachigen Manga-Markt erreichen werden.