Interview mit Reprodukt: Über den Aufbau und die Zukunft des Manga-Segments

Montag, 9. November 2020, 12:57
Interview mit Reprodukt: Über den Aufbau und die Zukunft des Manga-Segments

Unsere Redaktion konnte ein weiteres Interview organisieren. Diesmal hat sich Dirk Rehm, passionierter Leser und Verleger von Reprodukt, einigen unserer Fragen gestellt. Dabei sprachen wir mit ihm – unter anderem – über seinen Werdegang in der Verlagswelt, über die weiteren Pläne seines Verlags im Manga-Segment sowie über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Reprodukt. 

Im Folgenden werden wir Herrn Rehm mit seinem Vornamen ansprechen und uns mit MP abkürzen. Viel Spaß mit dem Interview – insbesondere mit den Hinweisen auf die kommende Programmplanung!

MP: Vielen Dank, dass du dir heute für uns Zeit genommen hast. Vorangestellt möchten wir dir allerdings zunächst zu dem Erhalt des diesjährigen K.-H. Zillmer-Verlegerpreises gratulieren. Selbstverständlich beglückwünschen wir auch deinen Verlag Reprodukt, der wiederholt den Deutschen Verlagspreis gewann. Herzlichen Glückwunsch! Nun aber zu den Fragen:

Nachdem ihr einige Jahre keine Mangas gemacht habt, seid ihr nun seit einer vergleichsweise kurzen Zeit wieder mit den Autoren Mizuki und Tsuge dabei. Wie kam es zu der Entscheidung, wieder japanische Comics für den deutschsprachigen Raum zu publizieren?

Dirk: Das Interesse war seit langer Zeit vorhanden, der Anlass war die Veröffentlichung von Shigeru Mizuki und später Yoshiharu Tsuge etwa im italienischen und spanischen Sprachraum, sodass sich neue Kontakte erst zu europäischen und dann zu japanischen Agenturen ergaben, die in der Regel zwischen Lizenznehmer und Lizenzgeber stehen. Dann hatten wir das Glück, bei Mizuki Productions auf offene Ohren zu stoßen, vielleicht eben auch, weil wir mit anderen ausländischen Verlagen eng verbunden sind, die Shigeru Mizuki veröffentlichen.

Das war der erste Schritt, der zweite Glücksfall war, dass Yoshiharu Tsuge sich plötzlich dem ausländischen Markt geöffnet hat, offenbar durch Zutun seines Sohnes, und wir dann auch hier einen Fuß in die Tür bekommen konnten.

NONNONBA © 2019 Mizuki Productions © 2019 Reprodukt

MP: In der letzten Programmankündigung von euch war lediglich der zweite Teil der Mizuki-Biografie mit dem Untertitel Kriegsjahre enthalten. Können die Fans darauf hoffen, dass schon bald weitere Titel dem Katalog von euch hinzugefügt werden?

Dirk: Wir möchten Mizuki zunächst regelmäßig mit einem neuen Buch pro Halbjahresprogramm weiterveröffentlichen. Im Frühjahr 2021 erscheint der abschließende dritte Teil seiner Autobiografie mit dem Titel MANGAKA. Für das darauffolgende Programm würden wir gerne KITARO in Angriff nehmen.

MP: Mizuki und Tsuge sind beides Gekiga-Autoren. Ihre Werke finden sowohl in Japan als auch in Deutschland leider nur eine vergleichsweise geringe Leserschaft. Warum erwirbt man als Verlag die Rechte an Mangas, die nur einen kleinen Teil des Publikums ansprechen, obwohl ein populärer Titel womöglich gewinnbringender wäre?

Dirk: Wir veröffentlichen seit 2013 auch Kindercomics, aber unser Kerngeschäft seit jeher sind Comics für eine erwachsene Leserschaft. Wir haben uns unser Publikum über die Jahre erarbeitet und mehr und mehr ausbauen können, es wäre längst an der Zeit gewesen, die Gekiga-Autoren nach Deutschland zu bringen. Jetzt war es aufgrund einiger glücklicher Zufälle und der nötigen finanziellen Mittel plötzlich möglich geworden, und wir wollten die Chance nicht verstreichen lassen.

Ich bin überzeugt, dass es auch ein Publikum für Gekiga gibt, und gerade aus der Künstlerszene erhalten wir seit der ersten Bekanntgabe ein sehr ermutigendes, positives Feedback. Diese Woche wird DER NUTZLOSE MANN von Yoshiharu Tsuge ganzseitig in DER SPIEGEL besprochen, es zieht also Kreise …

MP: Die Konsequenzen der Corona-Krise stellen eine Herausforderung für die Weltwirtschaft dar. Wie hart hat euch die Situation getroffen. Wie ging es euch, wie geht es euch – dem Verlag – heute?

Dirk: Uns geht es vergleichsweise gut, denke ich. Wir hatten im März und April einen starken Umsatzeinbruch zu verzeichnen, der aber in den folgenden Monaten wieder ausgeglichen werden konnte. Die Berliner Soforthilfe für Unternehmen war im ersten Schritt eine große Unterstützung, aber vor allem haben wir uns über den großen Zuspruch unserer Leser sehr gefreut und viele Direktbestellungen über unsere Website.

MP: Soweit wir wissen werden eure Mangas in Deutschland gelettert, von Hand. Sicherlich ist dies kostenintensiver als diesen Prozess nach China oder ein anderes Land auszulagern. Warum habt ihr euch dennoch für dieses Schritt entschieden und welche Vorteile ergeben sich daraus eventuell?

Dirk: Nein, unsere Manga werden mit dem Computer gelettert, wie bei allen anderen Manga-Verlagen auch. Für Tsuge haben wir einen eigenen Font entworfen, nach dem Handlettering von Michael Hau, für Mizuki den Font von Kevin Huizenga von Drawn & Quarterly übernommen, der uns sehr stimmig schien. Aber auch dies ist für andere Verlage ein geläufiges Vorgehen, bei Carlsen etwa werden seit den frühen 2000er-Jahren Manga auch mit Fonts nach Schriften von Michael Möller und mir gelettert.

Wir verstehen uns nicht als industriell arbeitender Verlag, unsere Comics entstehen in der Regel tatsächlich in Handarbeit – Computerlettering ist eher die Ausnahme. Im Handlettering steckt eine Lebendigkeit, die von Computerschriften nur unzureichend imitiert werden kann. Das ist mein subjektiver Blickwinkel, aber von Hand gezeichnete Bilder finden erst mit einem handgezeichneten Lettering zu einer harmonischen Erscheinung.

Wenn Comics von mehreren Personen in vielen Arbeitsschritten erstellt werden, wie etwa bei Marvel und DC oder den meisten Manga für die junge Zielgruppe, bei der Assistenzzeichner und Schriftsetzer im Rücken des Autors mitagieren, finde ich ein Computerlettering durchaus angebracht. Aber wenn ein Autor seine Comics schreibt, zeichnet, lettert und häufig auch noch selbst koloriert, finde ich auch in der Übersetzung nur das handgezeichnete Lettering stimmig.

Muno no hito • Hi no Tawamure by Yoshiharu Tsuge © Yoshiharu Tsuge 1998 by SHINCHOSHA Publishing Co., Ltd. © 2020 Reprodukt 

MP: Wir sprachen es bereits an: Eure lizenzierten Titel erscheinen sehr außergewöhnlich. Zumindest im direkten Vergleich mit den Publikationen anderer Verlage. Uns interessiert daher, nach welchen Kriterien Reprodukt seine Titel auswählt?

Dirk: Inhaltlich habe ich ja schon versucht darzulegen, dass wir ein anderes Publikum im Blick haben als die anderen Manga-Verlage. Wir verstehen uns sozusagen als „belletristischer“ Verlag und versuchen, Layout und Haptik der Bücher für ein Publikum ansprechend zu gestalten, das auch gern Romane liest – also weit weniger bunt und dramatisch, als das bei Manga für Teenager der Fall ist.

MP: Anfang der 2000er-Jahre habt ihr bereits Suehiro Maruos Der lachende Vampir in Deutschland publiziert. Über 15 Jahre später ist der damals als Einzelband veröffentlichte Manga noch immer ohne Fortsetzung. Gibt es zum heutigen Zeitpunkt eventuell Pläne einer Neuauflage beziehungsweise einer Fortführung des Werks? Falls nicht: Können Fans auch weiterhin ihr Interesse an den Mangas bei euch bekunden?

Dirk: Schon Anfang der 2000er-Jahre war die eigentliche Idee, bei Reprodukt die Veröffentlichung von Manga für Erwachsene mit Yoshiharu Tsuge als Flaggschiff zu beginnen. Nicht nur Tsuge und Maruo, sondern auch andere GARO-Zeichner sollten veröffentlicht werden. Leider hat aber Tsuge vor zwanzig Jahren seine Auslandsrechte nicht freigeben wollen.

Suehiro Maruo war auch GARO-Zeichner, wenn auch nicht so wegweisend wie Tsuge, hatte aber Ende der Neunziger schon eine gewisse Bekanntheit als Vorreiter der erwachsenen Manga oder Underground-Manga im englischen Sprachraum. Blast Books hatte MIDORI als MR. ASHAHI'S AMAZING FREAK SHOW (1993) und COMICS UNDERGROUND JAPAN (1996) mit einem Beitrag von Maruo herausgebracht, und der Musiker John Zorn hat seine NAKED CITY-Plattencover von ihm gestalten lassen, daher hatte Maruo speziell in den USA schon eine gewisse popkulturelle Bedeutung. Zum damaligen Zeitpunkt hat sich DER LACHENDE VAMPIR leider eher schleppend verkauft, daher haben wir von weiteren Veröffentlichungen Abstand genommen, aber tatsächlich überlegen wir gerade, den Band neu herauszubringen und dann auch die Fortsetzung und andere Werke von Maruo vorzulegen. Ein Termin steht jedoch noch nicht fest.

MP: Warum ist es aus deiner Sicht lohnend, die Werke von den Autoren Mizuki oder Tusge zu lesen? Welcher Manga ist dein persönlicher Favorit und warum?

Dirk: Mitte der 1980er-Jahre erschien die Titelgeschichte ROTE BLÜTEN in englischer Übersetzung als Beilage des RAW-Magazins, das Françoise Mouly und Art Spiegelman herausgegeben haben. Diese Geschichte, der Zeichen- und Erzählstil Tsuges und die Poesie und Atmosphäre in seinen Zeichnungen haben mich seinerzeit sehr berührt. Dieses Verhältnis zu seinen Arbeiten habe ich über die Jahre bewahrt. Beide, Mizuki und Tsuge, bieten einen Einblick in die japanische Kultur und Geschichte, der ein Fenster öffnet und den Blick auf eine einzigartige Welt freigibt. Das macht ihre Erzählwelten für mich sehr spannend …

Neji-shiki • Akai hana by Yoshiharu Tsuge © 2019 Yoshiharu Tsuge © 2019 Reprodukt

MP: Reprodukt publiziert mittlerweile Bücher aus vielen verschiedenen Ländern. Unterscheidet sich die Produktion eines aus Japan stammenden Werkes von jenen – beispielsweise – aus Amerika stammenden Titeln. Wenn ja, inwiefern?

Dirk: Der einzig wesentliche Unterschied ist die Leserichtung, auch für uns Vorgabe, etwa das Layout und die Druckdatei für westliche Verhältnisse von hinten nach vorn aufzubauen. Immer noch erhalten wir von Buchhandlungen Reklamationen, dass die Bücher „falsch rum“ gebunden seien und ob sie sie zurückschicken könnten …

Eine Übersetzung aus dem Japanischen ist immer langwieriger als die aus europäischen Sprachen und im Gegensatz zu den meisten europäischen Comics mit einer Seitenzahl zwischen 48 und 200 haben alle bislang bei uns veröffentlichten Manga um die 500 Seiten.        Das ist also ein mehrfaches an Aufwand für alle Beteiligten, vom Übersetzer über Redaktion und Lettering bis zur Herstellung. Entsprechend sind die Gekiga für uns in der Produktion auch teurer als es ein aus dem Französischen übersetzter Comic wäre.

Wir retuschieren alle Soundwords und ersetzen sie mit Soundwords in lateinischer Schrift, aber das wird auch oft gemacht, wenn wir Comics aus anderen Sprachen übersetzen. Dann allerdings meist nicht jedes Soundword, sondern nur die, die im Deutschen „falsch“ klingen.

MP: Herr Shigeru Mizuki ist leider bereits verstorben. Funktioniert der Lizenzierungsprozess dadurch anders als bei Werken, deren Schöpfer*innen (glücklicherweise) am Leben sind?

Dirk: Grundsätzlich nicht. Wir fragen über eine Agentur bei der Erbengemeinschaft Mizuki Productions an. Für uns ist der Ablauf nicht anders, als der über einen Verlag.

MP: Dirk, warum hast du 1991 Reprodukt gegründet? Mit welchen Visionen? Welche persönlichen Erfolge des Verlags möchtest du besonders betonen, worauf bist du stolz?

Dirk: Reprodukt habe ich gegründet, weil ich Comics in deutscher Sprache verlegen wollte, die mir am Herzen lagen. Das waren zunächst die LOVE & ROCKETS-Comics der Hernandez-Brüder und dann weitere amerikanische Independent-Autor:innen wie Julie Doucet oder Daniel Clowes. Wir haben seitdem relativ kompromisslos weiterhin genau die Comics verlegt, die uns etwas bedeutet haben. Und das nun seit fast 30 Jahren, das ist schon ein Gedanke, der mir Freude macht.

MP: Wie uns zu Ohren gekommen ist, hast du auch bei Carlsen gearbeitet. Wie unterscheidet sich die Arbeit damals zu heute? Wie war es die erste Manga-Welle mitzuerleben und was waren deine Gefühle dabei?

Dirk: Von 2000 bis 2003 habe ich bei Carlsen gearbeitet, mitten im ersten großen Erfolg von DRAGON BALL, NEON GENESIS EVANGELION, den SHONEN JUMP-Titeln in BANZAI und später DAISUKI. Es hat großen Spaß gemacht, diesen Publikumserfolg begleiten zu dürfen. Anschließend habe ich viele Jahre Computerlettering für Carlsen gemacht, etwa für BATTLE ANGEL ALITA: LAST ORDER oder HIKARU NO GO. In den Arbeitsabläufen gibt es natürlich große Unterschiede, bei einer Produktion von 20+ Titeln im Monat kann man sich einem einzigen Manga natürlich nicht lange widmen, was die Produktion und auch das Marketing angeht. Wir machen im Moment zwei bis drei Manga im Halbjahr und präsentieren Stoffe, die inhaltlich für das Feuilleton und die Medien generell von Interesse sein können. Der Rhythmus ist ein anderer, aber wie oben schon gesagt, das Publikum, das wir erreichen wollen, ist auch ein anderes als das, was etwa Carlsen Manga, Egmont Manga, KAZÉ, TOKYOPOP oder altraverse erreichen wollen.

MP: Während Mizukis Werke im Großformat erschienen sind, entschied man sich bei den beiden Kurzgeschichtenbänden von Yoshiharu Tsuge für ein kleineres Format. Wonach wählt ihr die Größe aus? Anhand welcher Kriterien entscheidet ihr euch für weitere Veredelungen eurer Bücher?

Dirk: Wir schauen zunächst auf den hiesigen Buchmarkt und haben die Erfahrung gemacht, dass kleinere Bücher in den Buchhandlungen besser platziert werden können als großformatige Bücher oder Comic-Alben. Das ist also schon mal eine rein formale Vorgabe, um im Handel überhaupt wahrgenommen zu werden. Und dann entwickeln wir im Verlag das Layout, schauen auch, was haben die anderen ausländischen Verlage gemacht, was können wir abgucken, was können wir besser machen … Aber bei diesen Entscheidungen haben immer die Kriterien Vorrang, die der Buchmarkt vorgibt.

MIZUKI SHIGERU: BOKU NO ISSHÔ WA GEGEGE NO RAKUEN DA 1 © 2019 Mizuki Productions © Reprodukt

MP: In Bezug auf den messbaren Erfolg hinsichtlich der Verkaufszahlen: Wie schlagen sich die japanischen Titel aus eurem Katalog gegenüber jenen aus Europa und Amerika?

Dirk: Nicht besser und nicht schlechter. Noch haben wir keinen „Bestseller“ unter den Manga, im Gegensatz zu den Comics in Übersetzung, aber das kann ja noch kommen.

MP: Welche Ziele habt ihr, das Team von Reprodukt, euch für die nächsten Jahre gesetzt?

Dirk: Wir möchten das neue Segment weiter ausbauen, aber langsam, zunächst vielleicht mit einem oder zwei neuen Autoren im Jahr. Und natürlich weiterhin regelmäßig neue Titel von Mizuki und Tsuge herausgeben.

MP: Gibt es abschließend nicht-japanischsprachige Titel aus dem Reprodukt-Verlag, die du Leser*innen von Mangas empfehlen möchtest?

Dirk: Unbedingt die Comics von Tillie Walden: PIROUETTEN und WEST, WEST TEXAS, bei denen es um den Blick eines heranwachsenden Mädchens auf ihre Umwelt geht. Das nächste Werk von Tillie, AUF EINEM SONNENSTRAHL–  beste queere Science-Fiction –, ist für Frühjahr 2021 in Planung. Und EIN SOMMER AM SEE der Tamaki-Cousinen gibt es seit Mai in einer günstigen Taschenbuch-Variante für 9,90 EUR. Ebenfalls für Heranwachsende unbedingt empfehlenswert!

MP: Bonusfrage: Wie bewertest du die Wahrscheinlichkeit, dass es Shigeru Mizukis Prestige-Werk GeGeGe no Kitaro nach Deutschland schafft?

Dirk: Hab ich glaub ich schon beantwortet. :-)

 

An dieser Stelle möchten wir uns abschließend herzlich für die Zeit, die uns Dirk von Reprodukt entgegengebracht hat, bedanken.