Gekiga-Kurgeschichten: „Geliebter Affe und andere Offenbarungen“ – Vorstellung

Gekiga-Kurgeschichten: „Geliebter Affe und andere Offenbarungen“ – Vorstellung
DAIHAKKEN © 2002 by Yoshihiro Tatsumi

Mit Gegen den Strom stellten wir euch bereits vor einigen Wochen die fast 850 Seiten umfassende Hardcover-Autobiografie in Bildern von Yoshihiro Tatsumi vor. Nun widmen wir uns erneut dem 2015 verstorbenen Zeichner und seinen Geschichten. Denn bereits vor einiger Zeit veröffentlichte Carlsen Manga mit Geliebter Affe und andere Offenbarungen eine seiner Kurzgeschichtensammlungen – wir haben sie gelesen und berichten von unseren Eindrücken zu der Zusammenstellung.

Zu einem Preis von 19,90 Euro (D) bietet die großformatige, als Graphic Novel bezeichnete, Veröffentlichung einen Gesamtumfang von 320 Seiten, die als Klappenbroschur gefasst sind. Neben den Manga ist außerdem ein entsprechender Anhang geboten. In diesem findet sich eine verschriftliche Gesprächsrunde zwischen den Zeichnern Yoshihiro Tatsumi, Yukichi Yamamatsu, Kataoka Touyou sowie einem nicht näher benannten Moderator wieder. Eine Chronik Tatsumis, des Autoren dieser Zusammenstellung, rundet den Annex ab.

Über den Inhalt

In Geliebter Affe und andere Offenbarungen erwarten die deutschsprachige Leserschaft insgesamt dreizehn verschiedene Kurzgeschichten, die Autor und Zeichner Yoshihiro Tatsumi allesamt im letzten Jahrhundert veröffentlicht hat. Thematisch steht jeweils ein Mann aus einer sozialschwachen Schicht im Handlungsmittelpunkt. Dessen kleinbürgerliche Probleme finden jeweils auf um die zwanzig bis dreißig Seiten Raum – es handelt sich dabei zumeist nur um einen jeweiligen Einblick in das aktuelle Leben der Hauptfigur. Das Ende verbleibt zumeist offen und überlässt der Leserschaft somit entspreche Interpretationsmöglichkeiten, wenngleich eine gewisse Denkrichtung nahegelegt wird.

Vor allem die unumkehrbare Verdorbenheit des Menschen ist wiederholt Mittelpunkt der verschiedenen Erzählungen, die Inhalte werden dabei in ihrer Präsentation – inhaltlich wie visuell – nicht beschönigt. Der Anspruch des japanischen Gekiga-Ateliers, dessen Begründer der Autor ist, verlang nach Geschichten für ein erwachsenes Publikum. Zielsetzend galt es, sich von dem kindlichen Ruf des Mediums Manga abzusetzen. Diese gedanklichen Ströme sind den Kurzgeschichten – jeder einzelnen – zweifelsohne zu entnehmen. 

DAIHAKKEN © 2002 by Yoshihiro Tatsumi


Die Zusammenstellung beinhaltet diese Kurzgeschichten :

  • Manneskraft (jap.: Otoko Ippatsu)
  • Besetzt (jap.: Haittemasu)
  • Am Scheidepunkt (jap.: Wakaremichi)
  • Who are you? (jap.: Sasori)
  • Zucht (jap.: Shiiku)
  • Altes Zeug (jap.: Tokyo Ubasuteyama)
  • Die Tränen der Bestie (jap.: Kemono Namida)
  • Tacktacksack (jap.: Kotsu Kotsu Kotsu)
  • Kraniche falten - Briefe an S. (jap.: ORIZURU -S-kun e no Tegami-)
  • Das Wiedersehen (jap.: Saikai) 
  • Geliebter Affe (jap.: Itoshi no Monkey
  • Goodbye (jap: Goodbye)
  • Die grosse Entdeckung (jap.: Daihakken)

Das letzte Kapitel namens Die grosse Entdeckung (jap.: Daihakken) stellt beispielsweise Morohoshi, Mitarbeiter in einem Immobilien-Unternehmen, der seiner Firma während dem Wirtschaftswunder hunderttausende Yen an Gewinnzuwachs beschert, in den Fokus. Mit dem unvorhergesehenen Einbruch der Konjunktur schwindet sein Ansehen bei seinem Vorgesetzten schlagartig, obwohl er diesem jahrelang treu ergeben war. Er beschließt, sein Leben fortan grundlegend umzukrempeln, die Kündigung seines vergleichsweise sicheren Arbeitsplatzes in der anhaltenden Wirtschaftskrise ist dabei nur der Anfang …

Über die Visualisierung

Einfache Charakterdesigns, die sich allesamt in unverkennbarer Weise ähneln, sowie viele frei Hand gezogene Striche leiten zu dem markanten Erscheinungsbild der einzelnen Kurzgeschichten, die inzwischen allesamt mehre Jahrzehnte alt sind. Zwischen Dezember 1969 und Dezember 1998 wurden diese durch Yoshihiro Tatsumi bereits angefertigt, dessen Anspruch es war, sich von den damals populären Arbeiten der Leihbüchereien für Kinder- und Jugendliche abzusetzen – auch durch die Optik.

Entsprechend finden beispielsweise auch Inhalte sexueller Natur Darstellung, wenngleich deren Bebilderung aus heutiger Sicht mitnichten als sonderlich frivol oder gar erotisch zu bezeichnen ist. Wenngleich die im Vordergrund positionierten Figuren minimalistisch in ihrer Form sind, weiß der zuvor benannte Zeichner durch die gebotene Gestaltung der unbelebten Umwelt – die von Vehikel und Architektur beispielsweise – zu gefallen. Auch der titelgebende Affe und andere Tiere sind hervorragend in dem angejahrten Zeichenstil inszeniert.

Der Hamburger Herausgeber stellt allen Interessierten an dieser Stelle eine kostenfreie Leseprobe bereit. Die 30-seitige Preview umfasst dabei das komplette erste Kapitel sowie einige weitere Seiten. Somit ist ein umfassender Einblick in die Erzählweise und das optische Arrangement der Geschehnisse geboten. Die deutschsprachige Fassung des Titels ist gespiegelt und entsprechend an den westlichen Lesefluss angepasst. 

Über Yoshihiro Tatsumi

Yoshihiro Tatsumi wurde 1935 in Osaka geboren. Schon in sehr jungen Jahren interessierte er sich für Comics und profitierte von der Tatsache, dass seine Heimatstadt auch die Osamu Tezukas ist − der Meister ermutigte ihn in seinen Interessen.

In den 1950er-Jahren, der kindlichen und kommerziellen Produktionen der damaligen Verleger überdrüssig geworden, erfand er den Begriff "Gekiga", der einen erwachseneren Stil von Comics definieren sollte. Mit sechs anderen Künstlern gründete er die Gekiga-Werkstatt, um gemeinsam an einer neuen erzählerischen Herangehensweise zu arbeiten und sich so von den vorherrschenden Verlagsanforderungen zu befreien. Die Gekiga bevorzugten eine realistische Darstellung der Psychologie der Figuren, revolutionierten den Manga, beeinflussten ihn nachhaltig und öffneten einer Generation von Autoren und Zeichnern neue Perspektiven. Während dieser Periode, und bis in die 1980er-Jahre hinein, wurden die Geschichten Tatsumis in den Feuilletons zahlreicher Magazine veröffentlicht.

Tatsumi ist heute als großer Meister des Manga anerkannt, seine klaren Zeichnungen wirken erstaunlich modern, seine Werke werden in zahlreichen Ländern publiziert (in den USA bei Drawn & Quarterly, in Frankreich u.a. bei Cornelius). 2010 wurde "Gegen den Strom - Eine Autobiografie in Bildern" mit zwei Eisner-Awards (u.a. in der Kategorie "Best reality-based work") ausgezeichnet - in dem Mammutwerk mit einem Umfang von 856 Seiten geht es um die Entstehung der Gekiga. 2011 stellte der Regisseur Eric Khoo seinen halbanimierten Kinofilm "Tatsumi" über Leben und Werk Tatsumis in Cannes der Öffentlichkeit vor.

Am 7. März 2015 verstarb Yoshihiro Tatsumi im Alter von nur 79 Jahren. (© Carlsen Verlag GmbH)

Zusammenfassung

Das Publikum, das nach schonungslosen Gekiga-Erzählungen kleinen Umfangs dürstet, wird mit Geliebter Affe und andere Offenbarungen sehr wahrscheinlich nicht enttäuscht. Dies ist auch wenig verwunderlich, so gilt Autor und Zeichner Yoshihiro Tatsumi doch als zentraler Begründer jener Welle, die in Japan ihren Höhepunkt um 1960 hatte. Auch Einsteiger in das Segment historisch bedeutsamer Manga sind hierbei bestens beraten, um einen ersten Einblick in die behandelten Inhalte jener Nische der japanischen Populärkultur zu gewinnen. 

Auch visuell ist der Zeitgeist jener Epochen hervorragend durch Tatsumi eingefangen. Sein minimalistisches Charakterdesign ist ebenso anschaulich wie seine ausgearbeiteten Hintergrundgestaltungen. Insbesondere die deutliche Strichführung der analogen Arbeitsweise gefällt in diesem Zusammenhang. Die westliche Leserichtung der deutschsprachigen Fassung behindert den Lesefluss zu keinem Zeitpunkt. Überhaupt diese kulturell wertvollen Erzählungen hierzulande lesen zu können, bringt dem Verlag gegenüber tiefe Dankbarkeit unsererseits hervor.

Einige der gelisteten Kapitel beinhalten neben Geschlechtsverkehr zwischen zwei lebendigen Menschen im Einvernehmen diesen auch zwischen Mensch und Tier, Leiche und / oder unter Zwang. Darüber hinaus stellt eine Seite einer der Kurzgeschichten, Kraniche falten - Briefe an S., kannibalische Fantasien dar. Obwohl die jeweilige Erzählweise aufgrund der minimalistischen Darstellung nur als bedingt erschütternd zu bezeichnen ist, sollten sensible Leser*innen gegebenenfalls Abstand von der Zusammenstellung nehmen.

Abschließend bedanken wir uns bei der Carlsen Verlag GmbH für die unverbindliche Unterstützung dieses Artikels durch ein Belegexemplar.

Lucas Sebastian

Lucas Sebastian | Autor

Student der Medien- Kommunikationswissenschaften. Passionierter Fan asiatischer Populärkultur. Meint, dass thailändische Produktionen in den nächsten Jahren Europa erreichen wie begeistern werden. Auf Twitter unter @LucasISebastian privat zu finden.