Manhua-Special #2: „Der erste Kaiser“

Samstag, 17. Oktober 2020, 15:29
Manhua-Special #2: „Der erste Kaiser“
QIN SHIHUANG: The First Emperor © 2012 by Chen Uen © 2018 Chinabooks E. Wolf und E. Wu.

Zuletzt präsentierte unsere Redaktion im Rahmen unseres ersten Manhua-Specials die chinesische Reihe In tiefen Wäldern Träumen lauschen. Diese Geschichte ist von ruhiger Natur und gefällt einem ausgewählten Publikum mit Sicherheit. In Kontrast dazu stellen wir heute mit Der erste Kaiser ein achtionlastigeres Werk vor. Dieser Manhua stammt dabei nicht vom Festland China, sondern aus Taiwan.

Verlag Chinabooks veröffentlichte den Einzelband von Chen Uen bereits vor einiger Zeit in einer zweisprachigen Ausgabe auf Deutsch. Der Gesamtumfang von rund 530 Seiten unterteilt sich dabei in zwei gleichgroße Teile. Die erste Hälfte umfasst die von Marc Hermann in die deutsche Sprache übersetze Fassung. Dieser hängt die Variante in (vereinfachtem) Chinesisch an – inhaltlich allerdings absolut identisch. 

Das Paperback mit Klappenbroschur wird im besonders imposanten Format von 26,1 (Höhe) x 18,2 (Breite) Zentimeter ausgeliefert. Trotz diesen Maßen und der vergleichsweise hohen Seitenanzahl wiegt Der erste Kaiser lediglich um die 800 Gramm. Diese liegen einfach in der Hand. Außerdem beinhaltet die vorliegende Ausgabe mehrere doppelseitig bedruckte Farbseiten. Das Papier ist nicht als qualitativ zu beschreiben – es ist sehr dünn und könnte leicht einreißen. Entsprechend ist vorsichtiger Umgang mit dem Buch unbedingt anzuraten.

Inhaltsbeschreibung:

Die Geschichte ist einige Tausend Jahre in der Vergangenheit angesiedelt. Mit 13 Jahren bestieg ein Junge namens Ying Zheng den Thron des Reiches Qin. Im Jahr 233 vor Christus ist der mittlerweile 26-Jährige ein gefürchteter Kriegsheer. Aufgrund seines gepanzerten Heeres von mehreren hunderttausend Mann sowie deren brachiales Vorgehen ist die Armee Qins auch in den benachbarten Regionen gefürchtet.

Schon früh erkennt der junge, aber ehrgeizige Herrscher Zheng, dass mit der Zusammenführung der Staaten ein noch viel mächtigeres Gebiet geschaffen werden könnte. Der Plan, die insgesamt sieben bislang unabhängigen Nationen zusammenzuführen ist somit gefestigt. Gemeinsam mit einem von Zheng sehr geschätzten Philosophen, Han Feizi, möchte er dahingehend Strategien entwickeln. Dieser ist Prinz des Nachbarreiches Han, wird dort allerdings nur geringschätzend behandelt.

QIN SHIHUANG: The First Emperor © 2012 by Chen Uen © 2018 Chinabooks E. Wolf und E. Wu.

Zheng wittert Gelegenheit, den Intellekt jenes Gelehrten für sich zu nutzen und entsendet seinen ersten Kanzler, um den jungen Mann nach Qin zu eskortieren. Im Folgenden kommt es zu der ersten Begegnung zwischen Qins Regenten Zheng und jenem Philosophen. Binnen kürzester Zeit steht dieser in der höchsten Gunst des Königs – der Einfluss seiner beiden Kanzler vermindert sich dadurch jedoch drastisch. Mittels Intrigen möchten diese dem entgegenwirken … 

Ungeahnte Ereignisse beenden den ersten Teil der Geschichte und überführen unmittelbar in die zweite Hälfte des Geschehens. In dieser setzt Zheng nicht nur die Eroberung der anderen Nationen fort, sondern stößt mit einem Mann namens Li Mu im Reich Zhao auf den stärksten Kontrahenten. Der erste Kaiser erzählt von den ersten Erfolgen von Zheng, dem Begründer der Qin-Dynastie. Die dargestellte Narration hält sich dabei an die historischen Abläufe, soweit diese bekannt sind. 

Visualisierung:

Die Zeichnungen von Chen Uen sind mit einer chinesischen Pinseltechnik angefertigt. Es galt nicht immer als Anspruch des Künstlers möglichst kleinteilig und detailliert zu arbeiten, die Gesamtatmosphäre ist jenes Konstrukt, das er stets im Blick zu behalten schien. Das eingangs erklärte Großformat kontribuiert maßgeblich zur hohen Güte der weitschichtigen Illustrationen. 

Mit entschiedenen Strichen, aber auch verwaschenen Linien und Flächen erschuf Uen mit jeder Seite ein eigenes Kunstwerk, das zunächst simpel erscheint und mit jeder Sekunde eingänglicher wird. Nicht jedes Bild ist im ersten Moment vollständig zu erfassen, sicherlich benötigen einige Szenen einen kurzen Augenblick. Diese Zeit zur visuellen Entfaltung sollte seitens der Leserschaft unbedingt gewährt werden. Nicht umsonst beschrieb Cheng Li-chun, Kulturministerin der Demokratischen Fortschrittspartei aus der Republik China auf Taiwan, seine Kunst als innovativen Stil, der die nächste Generation von Illustratoren inspiriere.

An dieser Stelle bleibt abschließend die offizielle Leseprobe unbedingt zu erwähnen. Diese kannst du hier im PDF-Format abrufen. Beachte dabei unbedingt, dass Manhua von links nach rechts gelesen werden – also genau umgekehrt wie Manga. Dies betrifft sowohl die Anordnung der Seiten als die Reihenfolge der zu lesenden Sprechblasen. 

Erzählweise:

Grundlegend ist zu erwähnen, dass sich die gesamte Erzählung in zwei Teile unterteilt. Die erste Hälfte umfasst die Begegnung von Ying Zheng, dem regierenden Herrscher Qins, und dem Philosophen Han Feizi. Nach dem Abschluss dieses Handlungsbogen setzt sich die Handlung mit der Eroberung der benachbarten Staaten fort. Dieses Kapitel behandelt außerdem die Auseinandersetzung mit Li Mu.

Das Publikum begleitet das Geschehen dabei aus verschiedenen Perspektiven. Zwar liegt das Hauptaugenmerk auf dem titelgebenden Protagonisten, doch wird auch die Sichtweise seiner beiden ihm untergebenen, aber sicherlich nicht treuen Kanzler sowie jene seiner Feinde ausreichend bedacht. Diese vielseitige Darstellung gefällt.

Dagegen könnte das Ende des Werks enttäuschen. So ist an dieser Stelle vorwegzunehmen, dass Chen Uen in dem vorliegenden Band nicht die gesamte Biographie Zheng abbildet. Lediglich eine Zeittafel im Anhang der Publikation informiert über die folgenden Ereignisse in China bis zum Jahr 210 vor Christus. 

Über Chen Uen:

Chen Uen (Pinyin: Zheng Wen) wurde 1958 in Taiwan geboren und verstarb 2017.

Chen Uen gilt in Ostasien als eine Art Jahrundergenie. In vielen seiner Werke widmete er sich historischen Stoffen aus der langen chinesischen Geschichte. Sein technisch meisterhafter Zeichenstil weist starke Einflüsse der traditionellen chinesichen Tuschemalerei auf.

Den großen Durchbruch schaffte er in Japan in den frühen 1990er Jahren, als dort seine Reihe „Helden der Östlichen Zhou-Zeit“ von Kodansha serialisiert wurde. Die renommierte japanische Tageszeitung Asahi Shimbun schrieb über ihn als „Genie“ – innerhalb der letzten 20 Jahre sei in der Comicwelt kein Künstler hervorgetreten, der sich mit Chen Uen messen könne. Japanische Medien betitelten ihn als einen „Schatz Asiens“.

Nach seinem Tod gelangen Klassiker Chen Uens in Taiwan wieder ganz nach vorne auf die Bestsellerlisten. In Taiwan, Hongkong, Japan und China wurde Chen Uens Ableben umfangreich im Fernsehen und anderen Medien Nachrufe auf den Künstler gesendet. (© Chinabooks E. Wolf)  

Auf dem Comicfestival München widmete man dem Illustratoren eine Sonderausstellung. Ein dort aufgezeichnetes Panel mit Aho Huang, einem langjährigen Freund, Agenten und Verleger Uens, fügen wir diesem Artikel im Folgenden bei. In dem rund 55 Minuten langen Beitrag erinnert man ausführlich an den an einem Herzinfarkt verstorbenen Künstler und dessen Arbeit. 

Konklusion:

Der erste Kaiser legt in Kürze die geschichtlichen Anfänge der Reichseinigung dar. Dabei handelt der Manhua des taiwanesischen Zeichners Chen Uen in zwei Teilen mit je drei Kapiteln zwei bedeutende Abschnitte der chinesischen Geschichte zwischen 232 und 228 vor Christus ab. Es bleibt innerhalb des vorliegenden Bandes allerdings offen, wie die Biografie des ehemals mächtigsten Mannes Chinas endet.

Daher ist – bei weiterführendem Interesse – eigene Recherche gefragt. Die Zeichnungen des mittlerweile verstorbenen Zeichners sind in jedem Fall ein Argument für den Erwerb. Obwohl die Papierqualität zu verbessern wäre, ist das entsprechend große Format, wie beschrieben, sehr imposant. Da die Seiten aufgrund ihrer Beschaffenheit wenig wiegen, ist der Einzelband vergleichsweise leicht zu halten.

Insbesondere für Studenten der chinesischen Sprache könnte zudem die Fassung in vereinfachtem Chinesisch interessant sein. Online stellt der Publisher – laut Aussage im Buch – zudem eine Vokabelliste bereit. Leider war es aufgrund technischer Umstände nicht möglich, dies zu überprüfen.

Comicfestival München Panel - The Art of Chen Uen

Abschließend bedanken wir uns erneut bei der Redaktion von Chinabooks für die Bereitstellung und die Übersendung einer Kopie von Der erste Kaiser. Diese sowie weitere interessante Publikationen mit China-Bezug sind in dem verlinkten Verlagsshop zum Verkauf gelistet. Im Verlauf der nächsten Wochen wird dir Manga Passion noch zwei weitere Manhua-Titel des Verlags genauer vorstellen.